Anna Onichimowska

Anna Onichimowska wurde 1952 in Polen geboren und studierte polnische Sprache und Literatur. Mehrere Jahre war sie als Herausgeberin und Lektorin von Kinderbüchern tätig und debütierte 1980 mit der Gedichtsammlung „Gdybym miał konia“ (Ü: Wenn ich ein Pferd hätte). Seither entstanden mehr als zwanzig Bücher für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen, über 40 Hörspiele und Theaterstücke sowie Fernsehdrehbücher.

In ihren Kinderbüchern entwickelte Anna Onichimowska die in der polnischen Literatur tradierte Form der Kurzerzählung für das junge Publikum weiter. Im Geiste Janucz Korczaks blickt sie auf die alltäglichen Probleme ihrer jungen Leser, stets von einfühlsamem Humor getragen und oft von phantastischen Elementen durchzogen. So in ihrer Erzählsammlung „Najwyźsza góra świata“ (1996; Ü: Der höchste Berg der Welt), deren kleine Helden schwierige Momente durchleben: Krankheit und Tod in der Familie, Trennung der Eltern, Ausgrenzung und Einsamkeit, aber auch aus der Sicht von Erwachsenen weniger existentielle Probleme wie der Wunsch nach einem Haustier. Wie in vielen ihrer Werke gibt es auch in ihrem Kinderroman „Koniec świata i poziomki“ (1999; Ü: Das Ende der Welt und Walderdbeeren) keine scharfe Trennung zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Die Reiseabenteuer einer Familie – erzählt mittels klassischer Märchenelemente wie Wanderung, Gefangennahme und Auffinden des Schatzes – scheinen ein gemeinsames Spiel zu sein, in dem die Realität nur ein Teil der großen Welt der Phantasie ist. Ihre zusammen mit dem finnischen Autor Tom Paxal geschriebenen Erzählungen „Dzieci zorzy polarnej“ (1998ff; Ü: Kinder des Polarlichts) sind inspiriert von skandinavischen Mythen. Auch hier bestimmen Magie, Traum und Gefühle die Erlebniswelt der Protagonisten. In „Hera moja miłość“ (2003; Ü: Heroin, meine Liebe) schildert Onichimowska, wie leicht junge Menschen zu Junkies werden können und Drogenabhängigkeit zu ungewollt dramatischen Konsequenzen führt. Ihre Darstellung ist aufwühlend und ehrlich. Jugendliche beschreibt sie unverblümt launisch, Erwachsene porträtiert sie in ihrer oft selbstbezogenen Lebensweise. Voller Zuversicht zeigt ihr Buch aber auch, was Familie ausmacht und wie sich mit Liebe kitten lässt, was lange zerbrochen scheint.

Anna Onichimowska wurde mit zahlreichen in- und ausländischen Preisen ausgezeichnet, so u. a. 1997 mit dem Kornel-Makuszyñski-Literaturpreis und 2001 mit dem IBBY-Ehrendiplom. Auf der 4. Europäischen KIBUM in Saarbrücken hatte ihre Bilderbuch-Geschichte „Żółta zasypianka“ (2000; dt. „Eine gelbe Geschichte“, 2004) in deutsch-französischer Übersetzung Premiere. 2005 erschien mit der Übersetzung von „Sen, który odszedl“ (2001; dt. „Wo ist mein Traum?“) ein weiteres Bilderbuch in deutscher Sprache. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der nicht einschlafen kann, weil sein Traum noch nicht gekommen ist. Schließlich macht er sich mit seinem Stoffhasen auf die Suche und begegnet traumhaften Wesen. Onichimowska ist Direktorin der Świat Dziecka Foundation und zweite Vorsitzende der polnischen IBBY-Sektion. Sie lebt in Warschau.

© internationales literaturfestival berlin