23. ilb 06. – 16.09.2023

Angélica Freitas

Angélica Freitas wurde 1973 im brasilianischen Pelotas geboren. Sie studierte Journalistik an der Universidade Federal do Rio Grande do Sul (UFRGS), lebte einige Jahre in Porto Alegre und zog dann nach São Paulo, um dort für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu arbeiten. 2006 verließ sie die Hauptstadt und lebte in verschiedenen Ländern Europas und Lateinamerikas.

Erste Veröffentlichungen ihrer Gedichte erfolgten in einer Anthologie brasilianischer Lyrik, die unter dem Titel »Cuatro poetas Recientes del Brasil« (2006) in Argentinien erschien. Ein Jahr darauf erfolgte ihre erste eigene Publikation mit »rilke shake« (2007; dt. 2011). In ihren Gedichten greift sie die mündlichen Traditionen des Genres auf und pflegt einen freien Umgang mit Metrik, Sprachregistern und Zitaten. Auch wenn ihre Texte kaum einer bestimmten Richtung zuzuordnen sind, lassen sich Einflüsse von Dada, Gertrude Stein und auch Christian Morgenstern erkennen: »aber gertrude stein ist ein schelm sie findet es lustig einen furz / unter wasser zu lassen ich fasse es nicht getrude stein! wie kann man / nur so viel blödsinn im kopf haben!« Auch wenn Elemente der Farce für viele der Texte charakteristisch sind, zeigt Freitas ebenso leisere, schmerzvolle Töne, thematisiert Armut, Einsamkeit, Depression. Die englischsprachige Ausgabe von »rilke shake« mit Übertragungen von Hilary Kaplan wurde mit dem National Translation Award (NTA) 2016 ausgezeichnet. 2013 erschien ihr zweiter Gedichtband »Um útero é do tamanho de um punho« (Ü: Eine Gebärmutter von der Größe einer Faust), der für den Portugal Telecom Prize nominiert war. Im Mittelpunkt der Texte steht eine kritische, aber auch humorvolle Auseinandersetzung mit Geschlechteridentitäten. In Zusammenarbeit mit der Künstlerin Odyr erschien 2012 ihre Graphic Novel »Guadalupe«, ein Roadmovie und Abenteuerroman aus dem Herzen Mexikos, in dem die junge Guadalupe mit ihrem Van quer durchs Land fährt, um ihrer gerade erst verstorbenen Großmutter Elvira den letzten Wunsch zu erfüllen: eine Beerdigung unter den Klängen einer Musikband an ihrem Geburtsort Oaxaca.

Angélica Freitasʼ Lyrik wurde nicht nur ins Deutsche und Englische, sondern auch ins Spanische übertragen und erschien auch in Zeitschriften wie »Poetry«, »Granta« und »Modern Poetry in Translation«. Sie war Mitherausgeberin der Lyrikzeitschrift »Modo de Usar & Co« und arbeitet seit 2017 mit ihrer Partnerin, der Musikerin Juliana Perdigão, an kurzen Performances unter dem Titel »Canções de atormentar« (Ü: Quälende Songs), die Musik und Lyrik, Humor und Sozialkritik miteinander verbinden und sich Themen wie Konsumdenken, brasilianische Politik und Lebenswelten von Frauen und Kindern widmen. Freitas lebt und arbeitet in São Paulo. 2020 ist sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.