23. ilb 06. - 16.09.2023

Andrej Kurkow

Andrej Kurkow wurde 1961 in Budugoschtsch in der Nähe von Leningrad [heute Sankt Petersburg] geboren. 1983 schloss er sein Studium am Kiewer Staatlichen Pädagogischen Fremdspracheninstitut ab und ging danach verschiedenen Tätigkeiten nach.

Bereits als Schüler hatte er angefangen zu schreiben. Bis heute verfasste er zahlreiche Romane und Kinderbücher. Seine frühen Werke wie »Smert’ postoronnego« [1996; dt. »Picknick auf dem Eis«, 1999], »Dobryj angel smerti« [2000; dt. »Petrowitsch«, 2000] und »Milyj drug, tovarišč pokojnika« [2001; dt. »Ein Freund des Verblichenen«, 2001] sind Kriminalromane, die ein Sittenbild vom Kiew der Nach-Perestroika-Zeit zeichnen. Zumeist sind Tiere und einsame Randfiguren die Helden dieser Geschichten, die in einer demoralisierten und egoistischen Gesellschaft gescheitert sind. Dabei ist der Erzählfluss – ganz anders als üblicherweise in Thrillern – meist ruhig und die Stimmung vorwiegend melancholisch. Kurkow schreibt zudem Gesellschaftsromane, die politische und philosophische Fragen aufwerfen. In »Poslednjaja ljubov’ presidenta« [2005; dt. »Die letzte Liebe des Präsidenten«, 2005] geht es um den fiktiven ukrainischen Präsidenten Bunin, der immer mehr zum Spielball seiner Berater wird. Mit dieser Groteske verweist Kurkow auf zwielichtige Figuren der jüngsten ukrainischen Geschichte – Viktor Juščenko und Julia Timošenko. Kurkows Roman »Nočnoj moločnik« [2007; dt. »Der Milchmann in der Nacht«, 2009] spiegelt erneut die Absurditäten des Kiewer Alltags, indem er das Leben der ukrainischen Mittelschicht schildert, die sich in den Vororten der Hauptstadt mit Dienstleistungen aller Art über Wasser hält. In »Skazanie ob istinno narodnom kontrolere« [2007; dt. »Der wahrhaftige Volkskontrolleur«, 2011] erzählt er, zwischen Realität und Fantasie changierend, von Pawel Dobrynin, der unerwartet zum »Volkskontrolleur auf Lebenszeit für die ganze Sowjetunion« gewählt wird und auf seinen Reisen den schillerndsten Figuren begegnet, u. a. einem desertierten Engel auf der Suche nach einem gerechten Sowjetbürger, denn den gibt es im Himmel noch nicht. Durch das Prisma seiner surreal und satirisch überhöhten Prosa wirft Kurkow einen zeitdiagnostisch präzisen, bisweilen gar prophetischen Blick auf die Verhältnisse in seiner postsowjetischen Heimat. 2014 berichtete er in seinem »Ukrainischen Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests« von der Revolution in der ukrainischen Hauptstadt, wo er selbst lebt. In seinem Retro-Roman »Samson i Nadežda« [2021; dt. »Samson und Nadjeschda«, 2022] erzählt er eine Kriminalgeschichte aus dem Kiew der Revolutionszeit. »Vermessung des Krieges« [2022] ist ein sehr persönliches Tagebuch mit Reflexionen, wie der Krieg alles verändert und umdeutet.

Kurkow schrieb außerdem über zwanzig Drehbücher und arbeitete für das Staatliche Filmstudio A. Dovženko in Kiew. Zu seinen Auszeichnungen zählen der in Rom verliehene Nikolai-Gogol-Preis sowie der Leserpreis des Europäischen Literaturfestivals in Cognac. 2014 wurde er in Frankreich zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt.

Stand: 2022