23. ilb 06. – 16.09.2023

Andreas Martin Widmann

geboren 1979 in Mainz, ist ein mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft in Mainz, das er mit einer Promotion über »Kontrafaktische Geschichtsdarstellung« (2009) u.a. am Beispiel von Philip Roth, Thomas Pynchon und Günter Grass abschloss, arbeitete mehrere Jahre als DAAD-Lektor am University College London.

Als Autor veröffentlichte er Essays und Romane. Für seinen Debütroman »Die Glücksparade« (2012) erhielt er 2010 den Robert-Gernhardt-Preis und 2012 den Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg für das beste deutschsprachige Debüt. Er erzählt darin vom fünfzehnjährigen Simon, der mit seinen Eltern zwischen Dauercampern in einer Art Trailerpark, der »Ferienanlage Aue«, gestrandet ist, nachdem sein Vater dort eine Stelle als Platzwart angenommen hat. Die Jury des Mara-Cassens-Preises lobte, wie Widmann »mit gelassener und einfühlsamer Sprache die kleine Welt der Abgestiegenen [schildert] und damit ein Milieu, zu dem die wenigsten Zugang haben.« Hierin zeige er sich als »Meister der Empathie«. »Die Glücksparade« wurde in die Tradition des Songwriting von Bruce Springsteen gestellt sowie mit den Helden J.D. Salingers und Charles Dickens verglichen.

Zwischendurch verdiente Widmann sein Geld als Werbetexter in einer Frankfurter Werbeagentur, was ihm das Material lieferte für den zweiten Roman »Messias« (2018). Dieser spielt im Sommer 2012. Er schildert in einer am anglophonen Erzählton geschulten Sprache, die reich ist an präzisen Beobachtungen, wie Paul Helmer nach London zieht, um Werbung für Oman Airlines zu machen. Seine Frau Inge bleibt zuhause in einem Frankfurter Vorort, während Paul auf einen arabischen Milliardär namens Faisal wartet. Inge verfällt einem esoterischen Guru. Die Tochter Judith flieht aus einer dänischen Hippiekommune zurück ins Elternhaus. »Alles ist drin in diesem vielstimmigen Gesellschaftsroman: die Entindividualisierung und die Zurichtung des Angestellten hin zu einem effizienten und selbstoptimierten Wesen. Das eigentliche Thema ist jedoch die permanente Suche aller Figuren nach Erlösung.« [Der Tagesspiegel]

Auch in seinen vielfach ausgezeichneten Essays hat Widmann sich mit Gegenkulturen, Lebenskünstler*innen und Außenseiter*innen beschäftigt. In den Zeitschriften Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken, Lettre International, German Quarterly und Edit etwa erschienen Texte über die digitalen Archive der Band The Grateful Dead, das Kino des Roland Klick sowie die Frage, wie sich Naturwahrnehmung durch Google Street View verändert.

Widmann unterrichtet am Bard College Berlin deutsche Sprache und Literatur und ist Mitglied der Summer School Faculty am Middlebury College Vermont. Der Autor lebt in Berlin.