22. ilb 07. - 17.09.2022

Amir Hassan Cheheltan

Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren. Bereits während seines Studiums der Elektrotechnik machte er sich mit seinem zweiten Erzählband einen Namen als Schriftsteller. Nach der Islamischen Revolution ging er zum Abschluss seines Studiums nach Großbritannien.

Während des Iran-Irak-Kriegs, zu dem er nach seiner Rückkehr einberufen worden war, verfasste er seinen ersten Roman »Rouse-ye Qāsem« [Ü: Die Klage um Qassem]. Das Buch durfte erst zwanzig Jahre später, 2003, erscheinen. Ein Stipendium des internationalen Schriftstellerparlaments ermöglichte ihm 1999 die Flucht vor einer Welle der Gewalt gegen Intellektuelle im Iran, und er lebte zwei Jahre in Italien.

Cheheltan veröffentlichte zahlreiche Romane, die in beständiger Auseinandersetzung mit den Zensurbehörden verschiedene Verbote und Neuerscheinungen erlebten und von denen viele ins Englische, Deutsche, Italienische, Norwegische, Litauische, Arabische oder Hebräische übersetzt wurden. Darin thematisiert er den Alltag im Iran vor dem Hintergrund der wechselhaften Geschichte und des Zusammenspiels von Religion, Staat und Moderne. »Tehran, schahr-e bi-āsemān« [2001; dt. »Teheran, Stadt ohne Himmel«, 2012] erzählt die Geschichte vom Aufstieg des brutalen Handlangers eines Bordellbesitzers zum Kaufmann, der die Islamische Revolution unterstützt und am Schwarzhandel verdient. »Sepidedame irāni« [2005, dt. »Iranische Dämmerung«, 2015] handelt von einem iranischen Kommunisten, der in die Sowjetunion emigriert. Gegen den Willen des Autors wurde dieser Roman für den Staatlichen Buchpreis nominiert.

»Achlāgh-e mardom-e chiābān-e enghelāb« [dt. »Teheran. Revolutionsstraße«, 2009] ist Cheheltans erstes in deutscher Übersetzung erschienenes Werk. Protagonist ist ein zwielichtiger Hymenoplastiker. Der Riss zwischen Tradition und Moderne, der den Iran durchzieht, geht auch durch die Klinik, in der mit chirurgischen Mitteln die Spuren vorehelichen Geschlechtsverkehrs beseitigt werden, um einem überkommenen Ehrbegriff Genüge zu leisten. In seinem historischen Roman »Der Kalligraph von Isfahan« [2015], der im Jahr 1722 angesiedelt ist und von der endenden Herrschaft der Safawiden sowie der Belagerung von Isfahan durch die Afghanen erzählt, zeigt sich Cheheltan als »Meister darin, seine Figuren in ein moralisches Niemandsland laufen zu lassen und sie mit ihrer Haltlosigkeit und nackten Fleischlichkeit zu konfrontieren« [»FAZ«]. In »Der Zirkel der Literaturliebhaber« [2020] erinnert sich Cheheltan an die Literaturabende im Haus seiner Eltern mit ihren Exkursen in die klassische persische Literatur. Er schildert die Rolle der Literatur, wenn das Leben im Bann eines repressiven Staates und gesellschaftlicher Zwänge steht.

Sein jüngster Roman »Eine Liebe in Kairo« [2022] spielt diesmal nicht im Iran, sondern erzählt vom iranischen Botschafter in Kairo, der sich in eine zum Islam konvertierte Jüdin verliebt. Der Roman beleuchtet zudem die Wurzeln des Nahost-Konflikts.

Cheheltan erhielt zahlreiche Stipendien [DAAD, Heinrich-Böll-Stiftung, Villa Aurora, Ledig House u. a.] und war Vorstandsmitglied der Iranischen Schriftstellervereinigung. Er unterrichtet Kreatives Schreiben, veröffentlicht regelmäßig in internationalen Zeitungen und lebt heute mit seiner Frau in Teheran.

Stand: 2022