23. ilb 06. – 16.09.2023

Naja Marie Aidt

Naja Marie Aidt wurde 1963 auf Grönland geboren, wo ihr Vater als Lehrer arbeitete. 1970 siedelte die Familie nach Kopenhagen über. Als Jugendliche engagierte Aidt sich im Jugendverband der Kommunistischen Partei Dänemarks.

1991 veröffentlichte sie ihren Debüt-Lyrikband »Så længe jeg er ung« (Ü: Solange ich noch jung bin), der sich der Transformation vom Kind zum jungen Erwachsenen widmet. Ihre nächsten beiden Lyrikbände (1992, 1994) thematisieren erdrückende und unerträgliche Familienkonflikte und Partnerschaften. Die Kurzgeschichtensammlungen »Vandmaerket« (1993; dt. »Das Wasserzeichen«, 1995) und »Tilgang« (1995; dt. »Zugang«, 2003) verhandeln Zustände der Einsamkeit und Isolation. 2006 erschien der Erzählband »Bavian« (dt. »Süßigkeiten«, 2009), für den Aidt den dänischen Kritikerprisen und den Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen bekam. In fünfzehn Geschichten seziert Aidt darin mit großer Lakonie den modernen Menschen, seine Abgründe und Unsicherheiten. Ihr erster Roman »Sten saks papir« (2012; dt. »Schere, Stein, Papier«, 2017), dem die »Süddeutsche Zeitung« eine »beklemmende Eindringlichkeit« attestierte, erzählt von dem mit beiden Beinen im Leben stehenden Thomas. Eine einzige falsche Entscheidung lenkt sein Schicksal jedoch in eine falsche Richtung und weckt die Geister seiner Vergangenheit. Thomas muss erkennen: »Ich stehe immer nur gerade so mit einem Fuß in dieser Welt. Ich spiele mich selbst in dieser Welt. Aber ich bin bloß das, was ich spiele.« Er stolpert, geleitet von der Hassliebe zu seinem verstorbenen Vater, auf eine Katastrophe zu, die Aidt psychologisch überzeugend in Szene setzt. Der »Tagesspiegel« nannte den Roman ein »Kammerstück der Gefühle« und ein »Welttheater«, das die Bruchstellen menschlicher Existenz und ihre Selbstentfremdung herauskehrt. Im März 2015 starb Aidts Sohn bei einem Unfall. »Har døden taget noget fra dig så giv det tilbage – Carls bog« (2017; dt. »Carls Buch«, 2021) beschreibt das erste Jahr vom erschütternden Anruf bis zum allmählichen Nachlassen des Schocks: zugleich ein nüchternen Bericht über das Leben nach dem Verlust eines Kindes – wie die Trauer das eigene Verhältnis zur Realität, zu Familie und Freund*innen, zu einem selbst und zur Zeit verändert – und ein Buch über die Sprache der Poesie, des Verlusts und der Liebe sowie die Frage, wie man das Unmögliche möglich macht, indem man über ein verstorbenes Kind schreibt. Den Prozess, Stück für Stück all das Zerbrochene wieder zusammenzusetzen, spiegelt das Buch in seiner Form wider: An Carl adressierte Prosateile stehen neben intensiven lyrischen Passagen, Fragmente der Gegenwart vermischen sich mit Erinnerungsfetzen und Tagebucheinträgen, und Zitate zahlreicher Stimmen aus der Literatur verweben sich mit Aidts eigener Stimme. So entzieht sich dieses Buch in seinem Facettenreichtum jeder Genrezuordnung.

Aidt zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen Skandinaviens und hat u. a. den renommierten Søren Gyldendal-prisen und den Großen Preis der Dänischen Akademie gewonnen. »Carls bog« war in den Vereinigten Staaten für den National Book Award nominiert und stand auf der Shortlist des Kirkus Prize. Seit 2008 lebte Naja Marie Aidt in New York; jüngst ist sie wieder nach Kopenhagen gezogen.