22. ilb 07. - 17.09.2022

Etel Adnan

Die Dichterin, Malerin und Philosophin Etel Adnan wurde 1925 als Tochter eines Syrers und einer Griechin im französisch kontrollierten Beirut geboren. Ihre Kindheit war geprägt von Sprachvielfalt: Griechisch und Türkisch als Muttersprachen, Arabisch in ihrer Umgebung, Französisch in der Schule. Sie studierte in Paris Philosophie. Ihre Kritik am Algerienkrieg trug zu ihrer Entscheidung bei, 1955 in die USA zu gehen, um ein Postgraduiertenstudium an der University of California, Berkeley, sowie an der Harvard University aufzunehmen. Danach lehrte sie an der Dominican University of California in San Rafael Philosophy of Art. Anfang der Sechziger begann sie zu malen. Im Zuge ihres Protests gegen den Vietnamkrieg veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht in englischer Sprache und wurde dadurch zu einer »amerikanischen Dichterin«, wie sie es formulierte. 1972 kehrte sie in den Libanon zurück und arbeitete als Feuilletonredakteurin für »Al Safa« und »L’Orient–Le Jour«, musste das Land 1976 aber wegen des Bürgerkriegs und ihrer kritischen Artikel erneut verlassen. In Paris erschien 1977 ihr Antikriegsroman »Sitt Marie Rose« (dt. 1988) über die Entführung und Ermordung ihrer Freundin Marie Rose Boulos durch christliche Milizionäre der Kata’ib. Der Roman, ein Klassiker der Antikriegsliteratur, wurde in zehn Sprachen übersetzt und mit dem Prix France-Pays Arabes ausgezeichnet. Adnan ließ sich schließlich in Sausalito nieder.

Ihr literarisches Werk verfasste sie zunächst vorwiegend auf Französisch, später auf Englisch. Gleichzeitig gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt. In ihren Werken geht es zumeist um eine geschärfte Wahrnehmung von Zeitgeschehen, Alltag, Orten und Menschen.»L’Apocalypse arabe« (1980; dt. »Arabische Apokalypse«, 2012) ist ein Poem aus 59 Kapiteln für die 59 Tage der Belagerung des Lagers von Tel al-Zaatar in Beirut. Adnans »Journey to Mount Tamalpais« (1985; dt. »Reise zum Mount Tamalpais«, 2006) ist ein Künstlerbuch über den Berg in Kalifornien, seine indianische Geschichte und seinen Einfluss auf ihr Leben und künstlerisches Schaffen. »In the Heart of the Heart of Another Country« (2004; dt. »Im Herzen des Herzens eines anderen Landes«, 2018) versammelt politische und poetische Reflexionen aus dreißig Jahren, aus Beirut, Paris, Sausalito und von der griechischen Insel Skopelos.
Etel Adnan verfasste auch eine Reihe von Theaterstücken sowie das Libretto zum französischen Part von Robert Wilsons Oper »the CIVIL warS« (1981–84). Ihre Bilder, Zeichnungen und Künstlerbücher erhielten einen eigenen Raum auf der documenta13 (2012) und sind weltweit in renommierten Museen und Galerien zu sehen. Für ihre Verdienste um die arabische Welt wurde Etel Adnan vom libanesischen Präsidenten Michel Slaiman mit dem Staatspreis ausgezeichnet. 2014 erhielt sie den französischen Orden Chevalier des Arts et des Lettres. Adnan verstarb am 14. November 2021 in Paris.