23. ilb 06. – 16.09.2023

Achmat Dangor

„Ich habe asiatisches und holländisches Blut in mir, ich weiß nicht, wer ich bin“ – mit dieser Selbstcharakterisierung umreißt Achmat Dangor zugleich die zentralen Themen seines literarischen Schaffens: Herkunft und Zugehörigkeit. 1948 kam er in Johannesburg in einer muslimisch und indisch geprägten Umgebung zur Welt. Sein Geburtsjahr markiert den Beginn der Apartheid in Südafrika, der rassistischen Klassifizierung zufolge galt er als „Farbiger“. Bis zu seiner Einschulung sprach er Afrikaans und Sotho, später war die Sprache seiner Literatur das Englische.
Dangors Leben stand unter dem Zeichen der Politik. Schon während seines Studiums war er Mitbegründer der Gruppe „Black Thoughts“, die bestrebt war, über Literatur, Theater und Musik die Bewegung der Schwarzen zu stärken. Für dieses Engagement wurde er von 1973 bis 1979 des Landes verwiesen; eine Zeit, die er rückblickend als ungeheuer produktiv empfand, da sie ihm Gelegenheit zum Schreiben gegeben hatte.
In den 80er Jahren begann Dangor, einer der Mitbegründer der südafrikanischen Schriftstellerkongresses, in Südafrika Bücher zu veröffentlichen: Kurzgeschichten, Gedichtbände (auch als Herausgeber) und schließlich Romane, von denen „Kafka’s Curse“ auch unter dem Titel „Kafkas Fluch“ (2001) auf Deutsch erschienen ist. Die zentrale Figur ist der gebürtige Muslime Omar Khan, der als vorgeblicher Jude Oscar Kahn nicht nur eine Karriere als Architekt macht, sondern auch mit einer weißen Frau verheiratet ist. Dangor erzählt mehrstimmig von den psychologischen Konsequenzen, die das Aufdecken dieser Lebenslüge bei den Mitgliedern der betroffenen Familien zeitigt und offenbart dabei die Probleme, mit denen die vielfältigen ethnischen und religiösen Gruppen im Miteinander der südafrikanischen Gesellschaft bis heute zu kämpfen haben.
Dangors literarische Interessen fanden ein Echo in seinen gesellschaftspolitischen und beruflichen Aktivitäten, bis 2001 war er Direktor von Nelson Mandela’s Children’s Fund. Der Idee der südafrikanischen Wahrheitskommission stand Dangor indessen skeptisch gegenüber; er glaubte, dass die Strategie der Vergebung nur ein sentimentaler und letztlich untauglicher Versuch sei, die Nachwirkungen der begangenen Verbrechen in den Griff zu bekommen. Dem Zusammenprall von Geschichte und Gegenwart, von brutaler Rassentrennung und Post-Apartheid-Illusionen ist auch sein Roman, „Bitter Fruit“ gewidmet, in dem ein 19-Jähriger sich im heutigen Südafrika mit den Brutalitäten der Vergangenheit auseinander zu setzen hat und dem am Ende wieder nur Gewalt als Lösung zu Verfügung steht. 2003 wurde „Bitter Fruit“ für den Booker Prize und den International IMPAC Dublin Literary Award nominiert.
Dangor lebte teils in Johannesburg, teils in New York, wo seine Frau für die Vereinten Nationen arbeitete und er sich ganz dem Schreiben widmen konnte. Er verstarb am 6. September 2020.

Dirk Naguschewski

© internationales literaturfestival berlin