23. ilb 06. - 16.09.2023

Abdulrazak Gurnah

Abdulrazak Gurnah wurde 1948 in Sansibar [dem heutigen Tansania] geboren. Mit achtzehn Jahren floh er während der Sansibar-Revolution nach Großbritannien. Dort studierte er zunächst am Christ Church College in Canterbury und dann an der University of Kent, wo er sich 1982 mit einer Arbeit über westafrikanische Literatur promovierte. Von 1980 bis 1983 lehrte er an der Bayero University Kano in Nigeria, dann wurde er Professor für Englische und Postkoloniale Literatur an der University of Kent.

Mit dem Schreiben begann Gurnah nach seiner Übersiedlung nach Großbritannien. Aus Heimweh notierte er zunächst seine Gedanken in einem Tagebuch, dann entwickelten sich seine Reflexionen zu fiktiven Geschichten, aus denen schließlich sein erster Roman »Memory of Departure« [1987] entstand. Bereits hier schlägt er das Thema aller folgenden Werke an – die Auseinandersetzung mit den Traumata von Kolonialismus, Krieg und Vertreibung. Dabei machte er das Englische zur Sprache seiner Literatur, integrierte jedoch auch Suaheli, Arabisch und Deutsch in seine Texte. Vielfach sind seine Geschichten an der Küste Ostafrikas angesiedelt, seine Protagonisten oft entwurzelt und einsam.

Die Handlung von »Paradise« [1994; dt. »Das verlorene Paradies«, 1996/2021] spielt in Ostafrika Ende des 19. Jahrhunderts. In der Coming-of-Age-Geschichte wird der zwölfjährige Yusuf, benannt nach dem Propheten Yusuf im Koran, zu einem »Onkel« in die Stadt geschickt, da sein Vater sich verschuldet hat. In der fein abgestuften Gemengelage aus afrikanischen Muslimen, christlichen Missionaren und indischen Geldverleihern versucht er sich zurechtzufinden. Zurückgekehrt von einer riskanten Karawanenreise, wird er schließlich mit einer neuen Realität konfrontiert – der deutschen Kolonialherrschaft. Gurnahs Roman »By the Sea« [2001; dt. »Ferne Gestade«, 2002] ist eine Geschichte über Liebe und Verrat, über Heimatverlust und Fremdheit: Zwei Männer aus Sansibar, die in Großbritannien Asyl gesucht haben und deren Familien in der Heimat in einen jahrzehntelangen zermürbenden Streit um ein Haus verwickelt waren, tauschen Erinnerungen an ihre Jugend und die Flucht aus und bemühen sich um eine Versöhnung. Gurnahs jüngster Roman »Afterlives« [2020; dt. »Nachleben«, 2022] erzählt die Geschichte von drei jungen Menschen, die im Schatten der kolonialen Weltordnung um ihre Unversehrtheit kämpfen. Differenziert beleuchtet Abdulrazak Gurnah dabei auch die Rolle deutscher Siedler und Soldaten bei der Kolonialisierung Ostafrikas.

Gurnah wurde 2006 zum Fellow der Royal Society of Literature gewählt, war mehrfach für den Booker Prize nominiert und erhielt 2021 den Nobelpreis für Literatur »für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten«. Der Autor lebt in Canterbury.

Stand: 2022