{"id":47938,"date":"2022-05-25T22:15:32","date_gmt":"2022-05-25T20:15:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturfestivalberlin.de\/?p=47938"},"modified":"2022-05-30T10:15:18","modified_gmt":"2022-05-30T08:15:18","slug":"ilb-journal-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/literaturfestival.com\/en\/ilb-journal-2021\/","title":{"rendered":"ilb Journal 2021"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> You can find the web version of the printed journal next to the articles listed <strong><a href=\"https:\/\/www.yumpu.com\/en\/document\/read\/65833616\/ilb21projournalv7web\">here<\/a>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"wp-image-47953\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-1-1.jpeg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Christian Kracht<\/figcaption><\/figure><h2><strong>\u201eAlles anders, alles gleich\u201c<\/strong><\/h2><p><em>Wie haben Sie als K\u00fcnstler*in die Pandemie erlebt, wie und wo gelebt und gearbeitet? Womit haben Sie sich besch\u00e4ftigt, worin Inspiration gefunden, wo vielleicht Trost? War alles anders, aber jeder Tag gleich? Oder doch vieles gleich und jeder Tag anders?<\/em>Besondere Zeiten sorgen f\u00fcr ebenso besondere Ideen. Ideen wie die Serie \u201eAlles anders, alles gleich\u201c. Jede*r Gastautor*in des diesj\u00e4hrigen Festivals erhielt dabei ein St\u00fcck leere Leinwand zur freien Gestaltung. Texte, Fotos, Skizzen oder Zeichnungen, Schritt f\u00fcr Schritt f\u00fcgt sich all das zusammen zu einer gro\u00dfen Collage, die die Frage beantwortet: Wie sah und sieht sie aus, diese neue Welt nach dem 11. M\u00e4rz 2020 nach dem Pandemiebeginn?<\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p>&#8212;&#8212;&#8212;<strong>All different, all the same<\/strong><em>As an artist, how did you experience the pandemic; how and where did you live and work? What did you occupy yourself with, what did you find inspiration in, where perhaps comfort? Was everything different, yet every day the same? Or were many things the same, yet every day different?<\/em>Special times allow for equally special ideas. Ideas such as the series \u201cAll different, all the same\u201d, in which all guest authors at this year&#8217;s festival receive a blank piece of canvas. Filled with their contributions (texts, photos, sketches or drawings) it all comes together to form an extensive collage which seeks to answer the question: What has it been like, this new world after the start of the pandemic on 11 March 2020?<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"630\" height=\"830\" class=\"wp-image-47959\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-2.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-2.png 630w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-2-547x720.png 547w\" sizes=\"(max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><figcaption>\u00a9 Elisabeth Steinkellner<\/figcaption><\/figure><h2>How do homeless stay home, stay safe?<\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"441\" height=\"565\" class=\"wp-image-47976\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-3.png\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Samira Kentri\u0107<\/figcaption><\/figure><h2>Urs Mannhart<\/h2><p>Im breiter werdenden Bachbett der Zeit hockte ich mich zu den Schafen, im Kopf den doppelten Doppelpunkt von Pythagoras:<strong>\u00ab::\u00bb.<\/strong>Egal ob von oben oder unten betrachtet, von links oder von rechts, stets stehen zwei Punkte zwei Punkten gegen\u00fcber. Die perfekte Darstellung der Gerechtigkeit, sagte ich zu den Schafen. Sie nickten eifrig und verlangten nach mehr Heu.<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"531\" height=\"746\" class=\"wp-image-47981\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-4.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-4.png 531w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-4-512x720.png 512w\" sizes=\"(max-width: 531px) 100vw, 531px\" \/><figcaption>\u00a9Sarah Orlovsk\u00fd<\/figcaption><\/figure><h2>Das Pandemiejahr<\/h2><p>Gabriele von ArnimWas haben wir uns ereifert \u00fcber diejenigen,die angeblich zu unvern\u00fcnftig warenund \u00fcber die, die angeblich zu \u00e4ngstlich waren.Als h\u00e4tten wir etwa gewusst, wie man sein sollte.Vorsicht\u00a0\u00a0 Umsicht\u00a0\u00a0 R\u00fccksichtHie\u00df der Refrain in der Pandemie.Denk an dich selbstUnd denk die anderen mit.Wahrheit und WirklichkeitLagen immer wieder im Clinch.Es kratzte die gro\u00dfe Ungewissheit an unsere scheinbar soliden Lebenst\u00fcren.Es krabbelten alte \u00c4ngste grinsend hervor und wurden dreist.Und auf einmal hatten wir \u00a0neben dem alten Ich auch noch ein KrisenIchzu verkraften.Wir brauchten N\u00e4he und hielten Abstand.Keine Umarmung, keine Haut, keine Hand.Verletzbar sind wir wohl alle geworden.F\u00fchlten uns angegriffen und angreifbar,F\u00fchlten uns auf einmal ungeborgen.Was wir vielleicht vorher schon warenAber jetzt wussten wir, was es war, das wir f\u00fchlten.Wir haben gerempelt und gelernt,gew\u00fctet und geweint,uns verschlossen und ge\u00f6ffnet.Verunsicherung gelebt. Umwege genommen.Risiken und Chancen t\u00e4glich abgewogen.Sind m\u00fcde geworden und ungeduldig.Und jetzt?<\/p><h2>Wings<\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"544\" height=\"458\" class=\"wp-image-47990\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-5.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Patr\u00edcia Melo<\/figcaption><\/figure><h2>My little patch might say:<\/h2><p>John McWhorter&#8221;During the pandemic, I decided to accomplish two milestones: to finally read War and Peace and to watch all eleven seasons of the sitcom The Jeffersons. I have completed the first, but not the second. I wrote a book about race issues that I likely would not have without the extra time alone and to think. I had become a single parent six months before the lockdown, and an unexpected benefit of the quarantine was that it was a great way to help form a new relationship with my daughters. Overall, I kept myself sane with a few unshakeable routines that gave the days a shape. Two were to work out every single day and to learn some Chinese every single day. I think I&#8217;ll stick with those for a while.&#8221;<\/p><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:100%\"> <div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-47995\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-6.1.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Marianne Kaurin<\/figcaption><\/figure> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-47997\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-6.2.jpg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div> <\/div> <\/div> <\/div><h2>The Possibility of Renewal<\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"433\" class=\"wp-image-48010\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-7.jpeg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Thomas Harding<\/figcaption><\/figure><h2>Das Jahr der F\u00fcchse<\/h2><p>Hilmar KluteIn Berlin waren, als weniger Menschen auf die Stra\u00dfen gingen, die F\u00fcchse unterwegs, so als seien sie die eigentlichen Passanten dieser fantastisch verkorksten Stadt. Ihre wissenden und zugleich kindlich sch\u00fcchternen spitzen Gesichter hat die eine oder andere Handykamera eingefangen, und sieh nur, wie die F\u00fcchse \u00fcber das Stra\u00dfenpflaster schweben \u2013 wie Fabeltiere! Wer in der Corona-Zeit kein Fuchs geworden ist, konnte nur verlieren. Ich habe das Fuchs-Sein in diesem Jahr von der Pieke auf gelernt. Am Anfang wusste ich, wo man abends Bier oder Wein aus Plastikbechern eingeschenkt bekam und welche Freunde noch frohgemut genug waren, mit mir auf Stra\u00dfenpollern zu sitzen und \u00fcber B\u00fccher zu reden, die uns Gl\u00fcck und Erkenntnis bringen. Und das waren bestimmt nicht die B\u00fccher, die von protzigen Nichtlesern empfohlen wurden, weil sie irgendwie etwas mit dem Leben in der Seuche zu tun hatten. Ja, ich habe mir beim Leben zugeschaut, mehr als fr\u00fcher. Und ich wollte eben in der Zeit, die vor mir lag, nicht dumm und traurig oder zornig werden, sondern klug und zukunftsfroh. Da alle an der Zukunft zweifelten, wollte ich f\u00fcr die Zukunft ein Feuerwerk entz\u00fcnden, und dass Silvester ein Knallk\u00f6rperverbot herrschte, war mir nur recht. Im Februar bin ich dann Vater von Zwillingen geworden. Ihre Geburt war schwer, und sie ging gl\u00fccklich aus. Sp\u00e4t in der Nacht verlie\u00df ich die Klinik und sah auf dem Gel\u00e4nde einen gro\u00dfen Fuchs durch die Gr\u00fcnanlage schweben, dorthin, wo er zu Recht die K\u00fcche vermutete. Ich lief dem Fuchs hinterher und machte ein Handyfoto. Als ich es anschaute, war dort nur ein bisschen verwackelte Dunkelheit zu sehen. Vom Fuchs keine Spur. Aber seine Botschaft habe ich, w\u00e4hrend ich mich durch den einsamen dunklen Volkspark Friedrichshain auf den Heimweg machte, ganz gut verstanden: Sei kein Idiot. Sei froh, dass bei dir am Ende dieses komischen Jahres ein neuer Anfang steht, ein doppelter Anfang sogar. Bleib also ein Fuchs und jage nicht den falschen Sensationen hinterher.<\/p><h2>Club de Lectura. Sesi\u00f3n #63<\/h2><p>Maria Jos\u00e9 FerradasCada viernes a las 20:30 mi padre, Motoko y yo hacemos una video llamada\u00a0 y nos leemos un poema. El encuentro dura entre media hora y cuarenta minutos.Este viernes mi padre, un vendedor viajero jubilado que vive en el sur de Chile, ha elegido uno de los Salmos de Ernesto Cardenal. Motoko, escultora japonesa especialista en el tallado de peque\u00f1os animales, leer\u00e1 a Shuntaro Tanikawa y yo un poema en prosa de Gabriela Mistral dedicado a la luz de las l\u00e1mparas.Terminada la lectura mezclamos sonidos e im\u00e1genes en nuestra mente: pobres del mundo que, seg\u00fan el poeta nicarag\u00fcense, alg\u00fan d\u00eda tendr\u00e1n un banquete; seres que de un modo improbable \u2013\u201cdos mil millones de a\u00f1os luz de soledad\u201d siguiendo el c\u00e1lculo de\u00a0 Tanikawa\u2013han logrado encontrarse; una l\u00e1mpara que con su mirar humanizado llena la noche de una habitaci\u00f3n.\u201cSomos el club de lectura m\u00e1s peque\u00f1o del mundo\u201d, bromeamos antes de despedirnos.*Al momento de escribir este texto calculo que nos hemos reunido sesenta y tres\u00a0 viernes y le\u00eddo casi doscientos poemas.<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"597\" height=\"823\" class=\"wp-image-48016\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-8.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-8.png 597w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-8-522x720.png 522w\" sizes=\"(max-width: 597px) 100vw, 597px\" \/><figcaption>\u00a9 Arthur Sze<\/figcaption><\/figure><h2>I Sit, Therefore I Am<\/h2><p>Etgar KeretWhen I\u2019m running around trying to get things done,I\u2019m living in time, but don\u2019t feel it\u2019s on my side.But when I sit down on a bench and leave room for it next to me,time stops being a taskmaster and becomes a friend.We sit together and gloat while people whistle past uslike bullets about to miss their target.I offer time a cigarette, but he refuses.He\u2019s very careful about his health, you know.He wants to live forever.<em>Translated by Sondra Silverston<\/em><\/p><h2><strong>Lockdown enriched my life<\/strong><\/h2><p>Roger GarsideFor my wife and me, unlike many others, the two periods of \u201clockdown\u201d since March 2020 have been an overwhelmingly positive experience.Soon after lockdown began, the University of California Press awarded me a contract to publish my new book\u00a0<em>China Coup: The Great Leap to Freedom<\/em>.\u00a0 The shut-down of London\u2019s live culture meant that it could not compete for my time.\u00a0 I raced to revise the text for submission of the final manuscript, adding a chapter about China\u2019s COVID-19 cover-up and updating other parts of the book to take account of dramatic changes within China and in its relationship with the world.\u00a0Thank heavens this pandemic occurred in a digital age.\u00a0 Through the internet, I drew on sources of information from around the world and exchanged views daily with experts on four continents.\u00a0 Zoom also has been lifeline.\u00a0 In a single week, it took me first to California then to New York for book presentations.\u00a0 It enabled me to keep in close touch with my three adult daughters.\u00a0 Indeed, it drew me closer to one of them allowing us to meet five times a week to chat and share YouTube recordings of a wealth of songs from many countries, many decades, and genres.\u00a0 By Zoom, I did two online acting courses, and by Zoom my wife and I did two hours of Pilates each week, marvelling how closely our instructor could monitor our performance.\u00a0 These exercises and daily walks allowed me, at the age of 83, to end lockdown fitter than I began.\u00a0When my usual place of worship closed, I went online and discovered at St. Bride\u2019s, Fleet Street, \u201cthe journalists\u2019 church\u201d, online services with outstanding preaching, prayer, and music.\u00a0 I found a new spiritual home.Not all our discoveries have been online.\u00a0 On daily walks, we explored the streets of our South London neighbourhood, learning their history, studying their architecture, and observing how their occupants love or neglect their homes, or, strolling through the parks with time on our hands, we have watched more closely flowers coming into bloom and leaves unfolding, and listened more attentively to the song of birds.<\/p><h2>Marko Martin<\/h2><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <p><strong>Erster Januar 2020 in Hongkong, die letzte freie Gro\u00dfdemonstration in der Stadt. Neben mir der Demokratieaktivist Joshua Wong, der nun bereits seit einem Jahr in Gef\u00e4ngnishaft ist. Bereits damals aber, in jenen ersten Tagen des neuen Jahres, war in den zu dieser Zeit noch unzensierten Medien von einer seltsamen Lungenkrankheit zu lesen gewesen, die in einer festlandchinesischen Stadt namens Wuhan ausgebrochen sei. Und so, wie das KP-Regime anfangs vertuschte, verleugnete und verschwieg, so effizient betrieb es gleichzeitig die Aufl\u00f6sung der Autonomie in Hongkong voran, das Ende der bislang garantierten B\u00fcrgerrechte.<\/strong><\/p> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"433\" class=\"wp-image-48024\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-9.png\" alt=\"\"><figcaption><em>\u00a9<\/em>\u00a0Harry Louiserre<\/figcaption><\/figure> <\/div> <\/div><h2>Floreci\u00f3 la quila<\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"631\" height=\"395\" class=\"wp-image-48026\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-10.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a0<em>\u00a9\u00a0<\/em>Daniela Catrileo<\/figcaption><\/figure><h2><strong>Kaskade<\/strong><\/h2><p>Matthias NawratHellgr\u00fcne Spitzen ragen\u00fcber die D\u00e4cher meiner Stra\u00dfe.Das Haus gegen\u00fcber verdeckt den Stamm des Baums,in den \u00e4u\u00dfersten Forts\u00e4tzen der Peripherievollzieht sich die Verwandlung.Im Haus wohnt der junge Schauspieleraus \u201eAls wir tr\u00e4umten\u201c,steht mit nackter Brust auf dem Balkon,die Familie aus Irak: die Frau raucht,putzt die Wand, das M\u00e4dchen h\u00e4ngt W\u00e4sche auf.Im Parterre vier Bauarbeiter aus Bulgarien auf Plastikst\u00fchlen,schreiben Nachrichten nach Hause, rauchen, schauen auf die Kreuzung.Von meinem Balkon aus sichtbar:die hellgr\u00fcnen Spitzen, eingepacktin steinalte H\u00e4ute von schlafenden Flederm\u00e4usen,Baustellen, Projekte nach innen \u2013 ein Flugzeug sinktauf die Stadt herab, die Raumzeit kr\u00fcmmt sich, dehnt sichwieder aus. Ich denke: Kaskade,dabei geschieht das alles jetzt,im Zeitalter des Megastaus.Das Haus verdeckt den Stammdes Baums.<\/p><h2>See, dream,\u00a0flee despite the walls<\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"432\" height=\"578\" class=\"wp-image-48030\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-11.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Edem Awumey<\/figcaption><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"320\" class=\"wp-image-48033\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-12.jpg\" alt=\"\"><figcaption><em>\u00a0<\/em>\u00a9 Toni Jensen\u00a0<\/figcaption><\/figure><h2>Dream Big<\/h2><p>Nana Oforiatta Ayim<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"613\" height=\"787\" class=\"wp-image-48048\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-13.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-13.png 613w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-13-561x720.png 561w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/><figcaption>\u00a9 Nana Oforiatta Ayim<\/figcaption><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"626\" height=\"787\" class=\"wp-image-48053\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-14.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-14.png 626w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-14-573x720.png 573w\" sizes=\"(max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><figcaption>\u00a9 Nancy Vo<\/figcaption><\/figure><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"433\" class=\"wp-image-48069\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-15.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Bernardo Carvalho<\/figcaption><\/figure> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"439\" height=\"568\" class=\"wp-image-48071\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-16.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Amy Kurzweil<\/figcaption><\/figure> <\/div> <\/div><h2>Arnon Gr\u00fcnberg<\/h2><p>\u2018We could\u2019ve gone as far as Albany,\u2019 captain Sam says, \u2018But not in april.\u2019We turn around. The Hudson is so wide that she sometimes resembles a lake, the villa\u2019s along the river seem to be scattered there by frivolous gods. In Europe these riversides would be decorated with caf\u00e9 terraces. Here the tourist is obsolete. Only an old lighthouse serves as a bed &amp; breakfast.At Rogers Island we are caught in a snowstorm.The boat is dancing. Captain Sam mutters, &#8220;An insane adventure.&#8221;We moor at Kingston.&#8221;Did you find what you were looking for?&#8221; Asks Sam.&#8221;I have found those who are deceived and who never want to be deceived again. But who is deceiving whom? &#8220;On a quiet street in Kingston next to the Yum Yum Noodle Bar, Adam Bernstein receives clients, he talks to the dead.His spacious office is empty except for one table.&#8221;All children are seers,&#8221; says Bernstein, 63, &#8220;but most children don&#8217;t do anything with it. I grew up on 36th Street in Manhattan in a neighborhood called Murray Hill. &#8220;&#8221;I live near there,&#8221; I say.Bernstein nods, as if he already knew that.&#8221;Anyone can learn to play the piano. In the same way everyone can learn to talk to the dead. I make a living from it. Energy becomes image. My brother died in 1998, after which I discovered my skill. Slowly I learned to be grateful. &#8220;Bernstein hardly moves while talking.&#8221;I am not against the vaccine,&#8221; he says. &#8220;I am pro-choice. The profit margins are great, the need to control us is immense. &#8220;&#8221;What kind of teenager were you?&#8221; I ask.&#8221;A lot of pot smoking,&#8221; says Bernstein, &#8220;every high is followed by a downer, if you realize that you know enough.&#8221;\u201cYou were going to talk to my dead,&#8221; I say cautiously.Bernstein concentrates.&#8221;I see your mother,&#8221; he says, &#8220;a little brown dog.&#8221;&#8221;Did my mother become a little brown dog?&#8221;&#8221;I wouldn&#8217;t go that far,&#8221; Bernstein replies, &#8220;but there is a dog that feels when she&#8217;s there. She is often there. &#8220;We say goodbye.&#8221;Are you by any chance related to the famous Bernstein?&#8221; I ask.&#8221;You have a lot of American Bernsteins,&#8221; he says. &#8220;I am the not famous Bernstein.&#8221;I turn around at the door. He is still motionless behind his desk.This Bernstein believes in few things, I suspect, certainly not in conspiracy theories. He only knows that the living human desperately longs for his dead.<em>Part of a series of articles published in the Dutch newspaper\u00a0<\/em>Trouw<em>\u00a0and the Belgian newspaper\u00a0<\/em>De Standaard<em>\u00a0about paranoia in contemporary politics and culture.<\/em><\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"525\" height=\"755\" class=\"wp-image-48084\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-17.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-17.png 525w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-17-501x720.png 501w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption>\u00a0\u00a9 Davide Reviati<\/figcaption><\/figure><h2>Wie hat sich Ihr Leben mit Corona ver\u00e4ndert?<\/h2><p>Tilman SprenglerGanz der Alte,sagt sie,du bist doch ganz der Alteund jetzt erst recht.So ein sanftes Wort:Klimawandel,denkt er,wie der vom Wasserlaunisch umspielte Stein.Ansagen, AbsagenAber bitte durch Masken,rufen wir,WahrheitenSind unsere Kryptow\u00e4hrungen.Da wird schon was gehen.<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"415\" height=\"601\" class=\"wp-image-48087\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-18.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Matthew Forsythe<\/figcaption><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"568\" height=\"439\" class=\"wp-image-48089\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-19.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Steven Appleby<\/figcaption><\/figure><h2>Viktor Jerofejew<\/h2><p>Covid-19 \u2013 das ist der Spiegel der kollektiven Seele der Menschheit im 21. Jahrhundert. Die Pandemie und die Menschen \u00e4hneln sich in ihrer Unberechenbarkeit, Grausamkeit und Hinterh\u00e4ltigkeit. Als die Welt mit der Pandemie konfrontiert wurde, dachte ich, die Menschen w\u00fcrden sich zusammentun und gemeinsam gegen die Krankheit angehen.Welche Entt\u00e4uschung!Es begann ein Wettrennen um Impfstoffe, ein Bacchanal des Egoismus, der Feigheit und Gemeinheit. Die K\u00fchllaster New Yorks und die ewig brennenden Scheiterhaufen Indiens haben uns nichts gelehrt. Niedertr\u00e4chtig wurden alle Spuren verwischt, die Wissenschaftler schweigen sich dar\u00fcber aus, wo dieses Corona-Virus hergekommen ist. Die R\u00fcckkehr in eine normale Welt gibt es nicht. Ich setze mich ins Auto und fahre auf meine Datscha bei Moskau&#8230; Mir sind die B\u00e4ume und das Fl\u00fcsschen mit den Fischen darin lieber als die Menschen.<em>Aus dem Russischen \u00fcbersetzt von Beate Rausch<\/em><\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"628\" height=\"398\" class=\"wp-image-48091\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-20.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Kathleen Vereecke<\/figcaption><\/figure><h2>Kiran Millwood Hargrave<\/h2><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <p>And written in the hymnary of things I\u00b4ve learned is love, my whole body rapt intransmutation by hands I\u00b4ll never know \u2013 is this faith? To keep it cloe though it burns and twists to be free? It is a bravery I never knew I had, to have and never hold.<\/p>   <p>My lesson taken by heart:<\/p>   <p>No need exists so sacred it<\/p>   <p>Cannot be left unanswered as prayer.<\/p>   <p>Consider me schooled.<\/p>   <p>Consider me chuched.<\/p> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"1600\" class=\"wp-image-48094\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-21.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-21.jpg 1200w, https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-21-540x720.jpg 540w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption><strong>\u00a9 Kiran Millwood Hargrave<\/strong><\/figcaption><\/figure> <\/div> <\/div><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"395\" height=\"517\" class=\"wp-image-48099\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-22.png\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Sayaka Murata<\/figcaption><\/figure><h2>Susin Nielsen<\/h2><p>I walked a lot during the first four months of the pandemic, when the world shut down. One day, blocks from my house, on a cold and rainy Vancouver day, I saw a woman lying on her tiny porch, a hand tossed over her face, looking exhausted.To me, it told a whole story, of the spouse and children inside the cramped home, everyone on top of one another, everyone making demands on her. This was the one place where she could find a moment to herself, to be with her own thoughts. It made me think of an Alice Munro short story. It could have all been a fiction in my head, of course &#8211; but then again, that\u2019s a writer\u2019s life, isn\u2019t it? It encapsulated the daily mundane struggle of the pandemic. During the first four months of lockdown, low-grade anxiety meant I couldn\u2019t write. On a whim one day I started a Poetry Tree outside my house; I put up a new poem (none written by me, but by a mix of well-known and not-so-well-known poets) every week. It became a conversation starter. People in our neighbourhood stopped and read the poem. Some people even drove from further afield to read that week\u2019s offering. I soon hung up a poem for the younger set as well. It was a lovely way to connect with our community, and because most people truly had nowhere else to go, they took the time to really appreciate the poems.<\/p><h2>ES WIRD KEIN BLUT FLIESSEN<\/h2><p>L\u00eddia Jorge<strong>Und was, wenn es der Riss ist, der die Wand st\u00fctzt?Grafitti, 21. Jh.<\/strong>1.Beim Schreiben dieser Zeilen denke ich an das italienische Kind, das vor Freude in die H\u00e4nde klatschte, weil es gesehen hatte, dass die Flugzeuge auf dem Flughafen stillstanden und dazwischen Hasen hoppelten und V\u00f6gel Nester bauten. Der Junge war vielleicht f\u00fcnf Jahre alt. Es war mitten im Pandemie-Fr\u00fchjahr, Italien verzeichnete so viele Sterbef\u00e4lle, dass sie nicht wussten, wie sie die Toten beerdigen sollten, der Besitzer eines Bestattungsunternehmens sagte ersch\u00fcttert, niemand k\u00fcmmere sich um die Leichen und ihm bleibe einzig als liebevolle Geste den Verstorbenen gegen\u00fcber, ihren Kopf auf ein Kissen zu betten, als w\u00e4ren sie seine eigenen Angeh\u00f6rigen. Unterdessen klatschte der F\u00fcnfj\u00e4hrige in die H\u00e4nde, weil jetzt nicht mehr so viel Kohlendioxid ausgesto\u00dfen w\u00fcrde und bald s\u00e4mtliche Erd\u00f6lbohrungen gestoppt werden k\u00f6nnten.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dass das Kind vermutlich in seiner umweltbewussten Familie gelernt hatte, worum es ging, versteht sich. Beeindruckender aber war, dass die Freude des Jungen \u00fcber die Ereignisse zu einem Symbol wurde. Er war die Zukunft, die auf die Gegenwart wie auf einen in der Geschichte bereits vollzogenen Schritt blickte. Mit seinem Youtube-w\u00fcrdigen Auftritt verabschiedete sich der Junge, geboren im Jahr 2015, von der Vergangenheit, die wir verk\u00f6rpern, wir, f\u00fcr die das Jahr 2020 das Jahr einer von einem Coronavirus ausgel\u00f6sten Pandemie ist. Und ich dachte an den Film\u00a0<em>There Will be Blood<\/em>\u00a0von Paul Thomas Anderson, basierend auf dem Buch\u00a0<em>Oil!<\/em>\u00a0von Upton Sinclair. Ich dachte an die Figur Daniel Plainview, gespielt von Daniel Day-Lewis, sah ihn wieder vor mir mit tr\u00e4umerischem Blick angesichts der ersten Erd\u00f6lfont\u00e4ne.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich dachte an diesen Film und an dieses Buch, denn beide schildern den Beginn der Gier nach dem fossilen Brennstoff, die im Laufe des 20. Jahrhunderts die ganze Welt gepackt hat und den Impuls zu einer so ungeheuer gro\u00dfen Ver\u00e4nderung gab, dass es m\u00f6glich war, innerhalb von hundert Jahren das Gesicht der Welt sowie auch das Leben der Menschen zu ver\u00e4ndern und ihnen einen Komfort zu bescheren, wie man ihn sich nie ertr\u00e4umt hatte. Doch zugleich, folgt man Sinclairs Erz\u00e4hlung, einen Impuls, der nicht nur keine M\u00f6glichkeit bietet, neue Trag\u00f6dien zu verhindern, sondern dem auch die M\u00f6glichkeit innewohnt, unsere Spezies an den Rand ihrer Vernichtung zu bringen. Das ist das Dilemma, vor dem wir heute stehen. Das Virus hat nur erhellt, in welchem Zustand wir sind, so als bef\u00e4nden wir uns auf offenem Gel\u00e4nde und bewegten uns im Licht eines Blitzes.2.Im grellen, gespenstischen Licht unseres aufger\u00fcttelten Bewusstseins betrachtet, sieht die Pandemie wie die Rache daf\u00fcr aus, dass wir seit dem 18. Jahrhundert die Ressourcen der Erde leichtfertig st\u00e4ndig weiter ausgebeutet haben, bis sie unwiderruflich ersch\u00f6pft waren. Das Virus, dieses winzige Partikel einer Materie, die sich auf wundersame Weise \u00fcber unseren K\u00f6rper reproduziert, f\u00fchrt uns nun, als w\u00e4re es ein erz\u00fcrntes anthropomorphes Wesen, mit dem auf dem ganzen Planeten von ihm verursachten Chaos vor Augen, dass bei der Verteilung von Reichtum schreiende Ungerechtigkeit herrscht und von den sieben Milliarden Menschen, die auf der Erde leben, die Mehrheit vom Fortschritt ausgeschlossen bleibt.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als bes\u00e4\u00dfe das Virus politische Weisheit, legte seine Ausbreitung blo\u00df, auf welche Weise Demokratien leichte Beute der zu blutigen Auseinandersetzungen f\u00fchrenden, auf egoistischen Absichten basierenden extremistischen Bewegungen werden konnten, die wiederum eine kompromisslose Apologie archaischster Nationalismen zur Folge hatten. Nationen, die sich damit r\u00fchmten, zum\u00a0<em>great again<\/em>\u00a0zur\u00fcckzukehren, glichen sich letztlich nicht durch das Virus, aber dank seiner Auswirkungen den \u00e4rmsten L\u00e4ndern an, indem sie demonstrierten, dass auch ihre Elenden betteln m\u00fcssen und ohne Beistand sterben. Primitive Anf\u00fchrer, aus den unkultivierten H\u00f6hlen der neuen Moderne hervorgekrochen, lie\u00dfen unmissverst\u00e4ndlich erkennen, dass sie innerlich der Steinzeit angeh\u00f6ren. Und nebenbei erlaubte das Virus, reine organische, vom elementaren \u00dcberlebensprinzip geleitete Materie, den Nachweis, dass es sich bei Margaret Thatchers Grundsatz, es g\u00e4be keine Gesellschaft, sondern nur Individuen, letztlich um eine aus Kr\u00e4merrechnereien resultierende Sackgasse handelt, die den Momenten der Prosperit\u00e4t dient, sie langfristig aber untergr\u00e4bt und vor allem uns darauf vorbereitet, dass wir aneinander geraten, wenn eine Katastrophe naht.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die derzeitige Situation beweist nur zu nachdr\u00fccklich, dass Albert Camus noch immer recht hat mit der Forderung, wenn wir schon allein sind auf der Erde, sollten wir wenigstens Br\u00fcder sein. Und das ist der Grund, warum wir vermutlich in eine neue Zeit eintreten, mit der das Jahrhundert des\u00a0<em>Oil!<\/em>\u00a0endet, eine neue Epoche, die noch keinen Namen hat, deren Konturen sich jetzt aber deutlicher abzuzeichnen beginnen als vor einem Jahr. Vorl\u00e4ufig werden wir, allein im Weltraum, zweifellos von der Energie der Wellen, des Windes, des Sonnenlichts, des bestellbaren Ackers, des Waldes leben, das hei\u00dft, wir werden auf der Erde bleiben, damit die Menschheit \u00fcberlebt. Kurios also, wie die Natur durch eine Metapher in die Geschichte eingeht.3.Und deshalb ist dies paradoxerweise ein Moment der Hoffnung. Ein Blatt Papier reicht nicht aus, um alle Anzeichen aufzuz\u00e4hlen. Nie zuvor haben sich die Medizin, die Wissenschaften und die Technologie so zusammengeschlossen wie in diesen Tagen, um gegen ein globales Problem solcher Dimension zu k\u00e4mpfen, und nie zuvor haben wir so deutlich gesp\u00fcrt, dass jene, die f\u00fcr uns sorgen, uns so nahe stehen. Nie zuvor war die Technologie so hilfreich, wobei aber der Stolz auf ihre Effizienz zugleich im Kontrast zur Gef\u00e4hrlichkeit ihres unkontrollierten Einsatzes gestanden und nach einem B\u00fcndnis mit humanistischer Kultur verlangt hat, das ihr Deontologie, Ethik und Daseinsberechtigung verleihen sollte.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und noch nie zuvor ist so unmissverst\u00e4ndlich deutlich geworden, dass Kunst und Kultur f\u00fcr das Leben der Menschen von existentieller Bedeutung sind. Gut m\u00f6glich, dass dieser von staatlicher Seite stets stiefm\u00fctterlich behandelte Bereich jetzt zeigen kann, wie unverzichtbar er ist, wenn man der Trag\u00f6die, die ihn getroffen hat, gegen\u00fcberstellt, wie sehr er uns allen fehlt. Gut m\u00f6glich, dass selbst das dank des gro\u00dfen digitalen Kehrbesens in Lebensgefahr schwebende Buch nach diesen langen qu\u00e4lenden Monaten im Grunde l\u00e4ngst Bekanntes \u00fcberdeutlich bewiesen hat: dass es unverzichtbar daf\u00fcr ist, subjektive Menschlichkeit herauszubilden, die Haltung und Mitgef\u00fchl praktiziert und uns lehrt, Sch\u00f6nheit als Schwester der Wirklichkeit zu begreifen. Sein Potenzial, Frieden zu fordern, ist unsichtbar und dennoch unermesslich gro\u00df. Die Lehre aus der heutigen Zeit besteht darin, dass diese Forderung sein Leben lang wesentlich sein wird f\u00fcr den f\u00fcnfj\u00e4hrigen Jungen, der in die H\u00e4nde klatscht, weil er eine neue Welt erahnt. Er wird fraglos einer Generation angeh\u00f6ren, die dem Weg mit einer Inschrift folgen wird, die besagt: Es wird auf Erden kein Blut flie\u00dfen. Der Junge wei\u00df es noch nicht, aber schon bald wird er wissen, dass dies der Schutzbrief ist, den wir ihm als Erbe hinterlassen. Das haben wir im grellen Licht eines Blitzes begriffen.<em>Der Text wurde in Spanien am 24. Dezember 2020\u00a0 in \u201eEl Pa\u00eds\u201c ver\u00f6ffentlicht.\u00a0Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner.<\/em><\/p><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" class=\"wp-image-48120\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-23.1.jpeg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-48122\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-23.2.jpeg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div>  <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-48126\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-23.3.jpeg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"433\" class=\"wp-image-48129\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-23.4.jpeg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div>  <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-48131\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-24.1.jpeg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9\u00a0<em>Hiromi Ito<\/em><\/figcaption><\/figure> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" class=\"wp-image-48134\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-24.2.jpeg\" alt=\"\"><\/figure> <\/div> <\/div><h2>Folding<\/h2><p>Wendy Law-YoneThe year of living pandemically, as I think of it now, remains impossible to clock. When did it actually begin? For me it began, I believe, with a fire. The image of Notre Dame cathedral going up in flames first arrived on my phone on 15 April 2019 with a message from a friend in Paris: \u2018We were across the Seine and watched the whole thing. Just unspeakable. l will be forever changed.\u2019In less than a year, much of the world would feel forever changed. Covid 19 was here to stay.\u00a0 Looking back, I find myself pinpointing the spectacle of the great cathedral in flames, spewing what looked a lot like fire and brimstone to me, as both an augury and a harbinger of the pandemic to come.The elasticity of time is only one among the myriad of clich\u00e9s spawned by Covid-19. Here\u2019s another: the relativity of tragedy. We all have our problems, in other words; some of them can make even a plague pale into insignificance. The dementia of an aged parent; the death of a loved one; a sudden stroke; a brain tumour; a mental breakdown \u2026 the beat goes on in our daily lives, pandemic or no pandemic. \u2018Men die and worms eat them,\u2019 to paraphrase Shakespeare, \u2018but not\u00a0<em>only<\/em>\u00a0from Covid.\u2019\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 My own pandemic-time has been dominated by two competing distractions: the move to a new home in one of the most beautiful corners of the world (Provence), and the outbreak of a revolution in my homeland (Burma\/Myanmar), one of the most beleaguered countries on earth. The first has been altogether benign; the second altogether heart-breaking. Together these wildly disparate demands on my attention have erased any shred of concentration that might have remained for the business of writing.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Yet failing to write does not mean ceasing to think about writing. Having set aside the pre-pandemic novel I had on the boil, I keep returning instead to a long-dormant work-in-progress: a meditation on folding. Yes, folding \u2013 as in laundry, as in origami, as in geology.Long before Marie Kon\u2019s tutorials on how clothes should be folded (with joy!) so they can be stood on their edges in drawers, not laid flat on their backs the old lumpen way, it was a compulsion of mine to fold with military precision anything in sight that wanted folding. I folded everything from asymmetrical ankle socks to elasticised sheets, from slippery underwear to bulky blankets. I folded not only clothing and bedding but paper as well: newspapers, gift-wrap, ribbons and strings included. I folded and refolded my own napkin, paper or cloth, at restaurants, dinner parties, and take-away spreads.This preoccupation with folding, once a mild domestic compulsion, now probably curable only through shock treatment, has provided the central trope, the leitmotiv, of the book I am currently not writing. In this ever-expanding opus, the protagonist, a veteran of pointless speculation, gazes deeply into the abyss of folding trivia. She learns, for example, that the exquisite art of\u00a0<em>origami<\/em>\u00a0was not a Japanese invention but an idea imported from the West, where\u00a0elaborately folded napkins graced the dinner tables of 17<sup>th<\/sup>&#8211; and 18<sup>th<\/sup>-century nobles. She learns, significantly, that the same principles underpinning napkin folding were further developed by one Friedrich Fr\u00f6bel, the 18<sup>th<\/sup>-century German pedagogue and founder of the kindergarten. The same Fr\u00f6bel goes on to specialise in minerology, and his eloquence on the subject of rocks transports her into the realm of tectonic origami.Here at last, in the liminal space between a rock and a hard place \u00ad \u00ad- where \u2018nature and man,\u2019 as Fr\u00f6bel saw it, \u2018seemed to me mutually to explain each other\u2019 \u2013 universal truths are revealed. \u00a0Geologic formations, like certain human specimens, will, under compressional stress, bend instead of break, folding in on themselves like so many wet blankets. Over time, they will collapse into a number of well-defined patterns: recumbent, disharmonic, parasitic, slumps.Ah, so folding is just controlled collapsing, the protagonist thinks, returning to her favourite displacement activity. She picks a square of lint off a freshly laundered napkin. As she folds the fragment into an ever-diminishing series of triangles, she remembers a story, an\u00a0<em>origami\u00a0<\/em>story, in which both history and advanced weaponry unfold from flat paper constructions, the skies blooming in war time with \u2018bombers and kestrel-shaped shadows\u2019. The story begins and ends with the same lines:<em>It is not true that the dead cannot be folded. Square becomes kite becomes swan; history becomes rumour becomes song. Even the act of remembrance creases the truth.<\/em>Voil\u00e0! In the palm of her hand lies a microscopic crane, composed entirely of lint.Have I lost the plot? Will you buy the book anyway?<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"612\" height=\"408\" class=\"wp-image-48137\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-25.jpg\" alt=\"\"><figcaption>Agios Pavlos, Thessaloniki\u00a9Wendy Law-Yone<\/figcaption><\/figure><h2><strong>A time for uncertainty<\/strong><\/h2><p>Athena FarrokhzadThere is a time for everything under the sunA time for birth, a time for deathA time for proximity, a time for distanceA time for recommendations, a time for restrictionsA time for immunity, a time for lonelinessA time for embrace, a time to abstain from embracesA time to travel, a time for travel prohibitionA time for quarantine, a time for gatheringA time for sanitizers, a time for spreadingA time for savings, a time for crisis packagesA time for volunteers, a time for visorsA time to throw stones, a time to gather stones togetherA time to obtain and stitchA time to tear apart and looseA time for certainty, a time for uncertainty<\/p><h2><strong>Kitchen Window<\/strong><\/h2><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"432\" height=\"578\" class=\"wp-image-48140\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-26.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Maaza Mengiste<\/figcaption><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"443\" height=\"563\" class=\"wp-image-48146\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-27.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a9 Fernanda Melchor<\/figcaption><\/figure><h2><strong>Akademiker*innen sind um ihre Freiheit besorgt<\/strong>Manche von ihnen f\u00fcrchten um ihre Karriere, weil sie nicht an progressive Dogmen glauben.<\/h2><p>John McWhorterInfolge der antirassistischen Proteste, die sich in unserem Land zurzeit erheben, ist eine unzusammenh\u00e4ngende, aber eingeschworene Gruppe von Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ger\u00fcckt. Diese Menschen sind der Auffassung, dass soziale Gerechtigkeit nur erreicht werden kann, wenn alle politischen Positionen, die keine hinreichende Opposition gegen Machtungleichheiten erkennen lassen, aus der \u00d6ffentlichkeit verbannt werden. Die Arbeit von Intellektuellen und K\u00fcnstler*innen hat dieser Auffassung zufolge nur dann eine Berechtigung, wenn sie an vorderster Front gegen die Vorherrschaft der Wei\u00dfen ank\u00e4mpft. Von wei\u00dfen Menschen wird erwartet, dass sie ihre Mitschuldigkeit an der wei\u00dfenVorherrschaft anerkennen, beseitigen und gleichzeitig davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine unabschlie\u00dfbare Aufgabe handelt. Verlautbarungen, die dieses Projekt infrage stellen, werden als Form der \u00bbGewalt\u00ab angesehen, die an den Pranger gestellt und der Gesellschaft ausgetrieben werden muss.Kritiker*innen haben dieses Projekt als \u00bbCancel Culture\u00ab bezeichnet. Deren Vertreter*innen haben dieses Label zuletzt allerdings von sich gewiesen. Ziel sei es weniger, die gesamte Existenz eines Menschen zu vernichten \u2013 was ohnehin so gut wie unm\u00f6glich sei \u2013, sondern es gehe darum, Kritik um irgendeine Form von Bestrafung zu erweitern. Im Juli etwa hat eine Gruppe von Sprachwissenschaftler*innen eine\u00a0<a href=\"https:\/\/docs.google.com\/document\/u\/1\/d\/17ZqWl5grm_F5Kn_0OarY9Q2jlOnk200PvhM5e3isPvY\/mobilebasic?urp=gmail_link\">Petition<\/a>\u00a0an die Linguistic Society of America \u00fcbermittelt. Nicht nur kritisieren die Unterzeichner*innen den Sprachwissenschaftler und Psychologen Steven Pinker f\u00fcr seine als rassistisch und sexistisch wahrgenommenen \u00c4u\u00dferungen, sie fordern dar\u00fcber hinaus, Pinkers Mitgliedschaft in der Linguistic Society of America solle suspendiert und sein Name von einer Liste entfernen werden, auf der Verbandsmitglieder verzeichnet sind, die sich den Medien als fachkundige Ansprechpartner*innen zur Verf\u00fcgung stellen. Ein Hinweis darauf, dass viele einflussreiche Akteur*innen die Geisteshaltung, die einer solchen Aktion zu Grunde liegt, bereits verinnerlicht haben, ist die Tatsache, dass Bestrafungsklauseln wie im Fall dieser Petition als selbstverst\u00e4ndlich und gerecht und nicht als das neue zensorische Addendum angesehen werden, um das es sich hier handelt.\u00a0Zudem wurde behauptet, eine solche Form der \u00bbCancel Culture light\u00ab sei unbedenklich, da sie keine ernsten Folgen habe. Nachdem ich mit 152 weiteren Intellektuellen in \u00bbHarper\u2019s Magazine\u00ab einen\u00a0<a href=\"https:\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\">offenen Brief<\/a>\u00a0unterzeichnet hatte, in dem wir uns f\u00fcr das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung aussprachen, hielt man uns entgegen, wir seien doch nur wohlhabende Prominente, die nicht kritisiert werden wollen \u2013 so als seien lediglich ein paar Leute zurechtgewiesen und nicht etwa an den Pranger gestellt und ihrer Posten enthoben worden.Auch wenn die neuen Progressiven anerkennen, dass einige Prominente zu Unrecht geteert und gefedert worden sind, darunter die Kochbuchautorin und Internetpers\u00f6nlichkeit Alison Roman, der Datenanalyst David Snor und Gary Garrels, Chefkurator am San Francisco Museum of Modern Art, bestehen viele von ihnen darauf, dass es sich bei den genannten F\u00e4llen um einmalige Verirrungen handelt und nicht so sehr um Symptome einer grundlegenden kulturellen Zeitenwende.Im Juli habe ich getwittert, dass mein \u00bbBloggingheads\u00ab-Sparringpartner Glenn Loury und ich seit letztem Mai nahezu jeden Tag Zuschriften von Lehrenden bekommen, die aufgrund der Tatsache, dass ihre Meinungen mit den Geboten der woken Community inkompatibel sind, um ihre Posten f\u00fcrchten. Daraufhin wurde mir von verschiedener Seite unterstellt, ich w\u00fcrde l\u00fcgen. Niemand, der auch nur ann\u00e4hernd bei Verstand sei, hie\u00df es, habe etwas Derartiges zu bef\u00fcrchten.\u00a0Die Fakten legen etwas anderes nah. Die Heterodox Academy hat unter 445 Akademiker*innen eine interne Mitgliederumfrage durchgef\u00fchrt: \u00bbStellen Sie sich vor, Sie \u00e4u\u00dfern am Arbeitsplatz und in Gegenwart von Fakult\u00e4ts- oder anderen Kolleg*innen Ihre Meinung zu einem kontroversen Thema \u2013 w\u00fcrden Sie m\u00f6gliche Konsequenzen bef\u00fcrchten?\u00ab 32,68% bzw. 27,27% der Befragten gaben an, sie w\u00e4ren \u00bbsehr besorgt\u00ab bzw. \u00bbextrem besorgt\u00ab, in der Folge \u00bbihren Ruf zu sch\u00e4digen\u00ab, und 24,75% bzw. 28,68% der Befragten gaben an, sie w\u00e4ren \u00bbsehr besorgt\u00ab bzw. \u00bbextrem besorgt\u00ab, ihre \u00bbKarriere k\u00f6nnte darunter leiden \u00ab. Mit anderen Worten: Mehr als die H\u00e4lfte der Befragten waren der Ansicht, dass es ihre Karriere durchaus in Gefahr bringen k\u00f6nnte, wenn Sie in einem akademischen Kontext Meinungen zum Ausdruck bringen w\u00fcrden, die kein Konsens sind.Es muss also niemand erstaunt sein oder Unglauben dar\u00fcber \u00e4u\u00dfern, dass mir immer mehr Menschen schreiben. Im Fr\u00fchsommer dieses Jahres habe ich innerhalb von drei Wochen ca. 150 solcher Zuschriften erhalten. Was in diesen Zuschriften zum Ausdruck kommt, ist eine alles andere als irrationale Angst unter jenen, die von den Dogmen der woken Linken abweichen \u2013 wenn auch nur geringf\u00fcgig \u2013 und dies zum Ausdruck bringen.Das Ausma\u00df der Besorgnis unter den Akademiker*innen, die mir schreiben, ist ersch\u00fctternd. Es handelt sich im \u00dcbrigen nicht ausschlie\u00dflich um Mitglieder des akademischen Mittelbaus. (Da mich die Zuschriften privat erreichen, kann ich hier keine Namen nennen.) Ein Professor schrieb: \u00bbTrotz meiner Professur und meines Ansehens mache ich mir Sorgen, dass Student*innen gegenstandslose \u203aTitle IX\u2039-Verfahren<a href=\"https:\/\/www.literaturfestival.com\/medien\/texte\/ilb-journal\/journal-2021#_edn1\">[i]<\/a>\u00a0gegen mich anstrengen [\u2026], mich boykottieren oder sogar versuchen, mich von meinem Posten entfernen zu lassen.\u00ab Ich habe keinen Anlass zu glauben, dass der Autor dieser Zeilen \u00fcbertreibt, denn genau das, was er beschreibt, ist seine*r Vorg\u00e4nger*in passiert.Ein*e Statistikprofessor*in schreibt:Ich thematisiere in meinen Kursen regelm\u00e4\u00dfig, dass es sich um einen Fehlschluss beziehungsweise um eine spezifische Form der Verwechslung von Korrelation und Kausalit\u00e4t handelt, wenn man davon ausgeht, dass Ungleichheit Diskriminierung impliziert. Aber offen gestanden habe ich inzwischen Angst, solche Themen anzusprechen [\u2026], denn dieser neuen Religion zufolge ist Ungleichheit ein klarer Beweis f\u00fcr Diskriminierung.Bis in die Medi\u00e4vistik ist dieses Klima vorgedrungen: Ein*e Assistenzprofessor*in berichtet davon, die Attacke einer Gruppe von Wissenschaftler*innen \u00fcberstanden zu haben, die sich, \u00bbsobald sie es auf jemanden abgesehen haben, unfassbar niedertr\u00e4chtig und hinterh\u00e4ltig verhalten\u00ab und die regelm\u00e4\u00dfig \u00bbPR-Kampagnen anstrengen, um zu erreichen, dass andere Wissenschaftler*innen oder Student*innen entlassen bzw. exmatrikuliert und aus akademischen Programmen bzw. Forscherzusammenschl\u00fcssen entfernt werden \u2013 oder um Leute einfach nur mundtot zu machen.\u00abWer nicht wei\u00df ist, kann sich in diesem Umfeld nur so lange sicher w\u00e4hnen, wie er*sie sich anpasst. Ein*e Assistenzprofessor*in of color schreibt: \u00bbIn beruflicher Hinsicht beunruhigt mich zurzeit nichts mehr als dieses Klima\u00ab und betont: \u00bbDie Wahrheit ist, dass ich in den letzten Jahren durch diese zur Normalit\u00e4t gewordene Intoleranz und den Social-Justice-Kult st\u00e4rker marginalisiert worden bin als durch jede Form von Rassismus, der ich in meinem Leben je ausgesetzt war.\u00abDie Vorw\u00fcrfe, mit denen sich viele dieser Professor*innen konfrontiert sehen, gr\u00fcnden auf einer fanatischen Weltsicht, deren Anh\u00e4nger*innen sich \u00fcber jede \u00c4u\u00dferung hermachen, die als Ausdruck \u00bbwei\u00dfer Vorherrschaft\u00ab interpretiert werden k\u00f6nnte. Dabei sind die Ankl\u00e4ger*innen ernsthaft davon \u00fcberzeugt, im Besitz einer h\u00f6heren Wahrheit zu sein. Ein wei\u00dfer Professor hat im Unterricht Ausschnitte aus einem Interview mit einem prominenten schwarzen Intellektuellen zitiert, der die Hip-Hop-Gruppe N.W.A. erw\u00e4hnt. Der Professor hat nebenbei dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, wof\u00fcr die Abk\u00fcrzung steht, weil diese Gruppe nur noch wenigen Studierenden ein Begriff ist. Keine*r der schwarzen Studierenden hat der Person zufolge, die mir diesen Vorfall berichtet hat, auch nur mit der Wimper gezuckt; eine dem\u00fctigende \u00f6ffentliche Entschuldigung wurde von einer Gruppe wei\u00dfer Studierender eingefordert.Das Muster, das diesem Vorfall zu Grunde liegt, wiederholt sich in vielen der Zuschriften: Wei\u00dfe Studierende sind \u00bbwoker\u00ab als ihre schwarzen Kommiliton*innen. Darin zeigt sich sehr deutlich, dass es den Anh\u00e4nger*innen dieser neuen Glaubenslehre um die demonstrative Zurschaustellung der eigenen moralischen Unfehlbarkeit und nicht so sehr um soziale Gerechtigkeit geht. Ein \u00e4hnlicher Vorfall: Derselbe Professor gibt die Lekt\u00fcre eines Buchs auf, in dessen Titel ein Wort vorkommt, mit dem homosexuelle M\u00e4nner beschimpft werden. Es handelt sich um einen vielschichtigen, zudem ironisch gew\u00e4hlten Titel, und in dem Buch geht es um eine Kritik traditioneller M\u00e4nnlichkeitskonzepte. Ein homosexueller Kursteilnehmer st\u00f6rte sich keineswegs daran, das Buch lesen zu m\u00fcssen, eine Gruppe heterosexueller Frauen dagegen schon; sie meldeten den Professor bei seinen Vorgesetzten.Es ist alarmierend, wie viele der Zuschriften so klingen, als h\u00e4tten sie so oder \u00e4hnlich auch in der stalinistischen Sowjetunion oder dem maoistischen China geschrieben worden sein k\u00f6nnen. Ein Professor f\u00fcr Geschichte hat mir berichtet, dass die Leitung der Universit\u00e4t, an der er arbeitet, allen Ernstes in Erw\u00e4gung zieht, ein System zu installieren, das Studierenden und Lehrenden erm\u00f6glichen soll, anonym zu melden, wenn in ihren Augen jemand eine \u00bbvoreingenommene Haltung\u00ab erkennen l\u00e4sst. Ein*e Professor*in hat die S\u00fcnde begangen, eine Vorlesung \u00fcber einen der amerikanischen Gr\u00fcnderv\u00e4ter gehalten und damit angeblich \u00bbdie Perspektive wei\u00dfer M\u00e4nner privilegiert\u00ab, obwohl die historische Pers\u00f6nlichkeit, um die es in diesem Fall ging, von Frederick Douglass, dem ehemaligen Sklaven und sp\u00e4teren Abolitionisten, gepriesen wurde. Die Hochschulleitung wollte den*die Professor*in dazu bewegen, an einem sogenannten \u00bblistening circle\u00ab teilzunehmen. Die Studierenden h\u00e4tten dargelegt, warum sie verletzt sind, die Lehrkraft h\u00e4tte zuh\u00f6ren und schweigen m\u00fcssen. Mit anderen Worten: Es sollte die amerikanische und moderne Variante dessen stattfinden, was in Zeiten der chinesischen Kulturrevolution als \u00bbKampf- und Kritiksitzung\u00ab bezeichnet wurde.Die Folge: Akademiker*innen sagen nur noch hinter vorgehaltener Hand, was sie denken. Ein Dozent f\u00fcr Creative Writing schreibt:Die Mehrheit der Dozent*innen und Hochschulmitarbeiter*innen zensieren sich selbst, aus Angst davor, einer \u00bbfalschen Meinung\u00ab wegen gek\u00fcndigt zu werden. Inzwischen ist es so schlimm, dass sich die meisten noch nicht einmal trauen, Tweets zu liken oder zu retweeten, weil so etwas Disziplinarma\u00dfnahmen nach sich ziehen kann [\u2026] Diese Menschen sind davon \u00fcberzeugt, dass Redefreiheit, wissenschaftliche \u00dcberpr\u00fcfbarkeit und eine gesunde Debattenkultur ihren Wert haben, aber trauen sich nicht mehr, das \u00f6ffentlich zuzugeben. Man spricht mit Gleichgesinnten dar\u00fcber, bei ein paar Bier, in der hintersten Ecke einer ruhigen Bar. \u00dcberzeugungen dieser Art sind ins Halbdunkel verbannt.Manch einer wird \u00c4u\u00dferungen wie diese als Gejammer verbuchen und finden, dass wir uns nur dann Sorgen machen m\u00fcssen, wenn Lehrkr\u00e4fte tats\u00e4chlich entlassen werden. Andernorts jedoch wird bereits ein feindseliges Arbeitsumfeld als Grundrechtsverletzung betrachtet, und in einer anderen Zuschrift hei\u00dft es:\u00bbEs ist auch nicht nur die Angst, entlassen zu werden, die Lehrende und Studierende zum Schweigen bringt. Es ist auch der Wunsch, Freundschaften zu pflegen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, das sind grundlegende psychologische Bed\u00fcrfnisse. Tats\u00e4chlich zeigen Experimente, die die Folgen sozialer \u00c4chtung untersuchen, dass es eine existenzielle Bedrohung darstellt, ignoriert, ausgeschlossen oder abgewiesen zu werden. Wir wissen, wie sich so etwas neurologisch auswirkt. Ostrazismus ist eine Form des sozialen Tods. Damit zu drohen hat Folgen.\u00abBesonders bedauerlich ist die Tatsache, dass dieser neue Maoismus die Vielseitigkeit des Curriculums beeintr\u00e4chtigt und den Nachwuchs davon abh\u00e4lt, in die Lehre zu gehen. So unterrichtet ein*e Professor*in James Baldwins Short Story \u00bbGoing to Meet the Man\u00ab nicht mehr, seit Schwarze Studierende angegeben haben, sie m\u00fcssten durch die Lekt\u00fcre \u00bbtransgenerationale Traumata neu durchleiden\u00ab. Und gleich zwei Doktorand*innen haben mir geschrieben, dass sie die Universit\u00e4t verlassen h\u00e4tten. Eine*r schreibt, vergrault habe sie*ihn \u00bbein zunehmend erdr\u00fcckender Dogmatismus; und potenzielle Arbeitgeber*innen interessierten sich vor allem f\u00fcr Diversit\u00e4tsbeteuerungen und die F\u00e4higkeit, zum Tendenzi\u00f6s-Ideologischen neigende Kurse zu unterrichten, in denen Philosophie mit Critical Race Theory oder Gender Studies usw. verbunden wird. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass man in diesem Feld nicht wettbewerbsf\u00e4hig ist, wenn man bei diesen Trends nicht mitmachen will.\u00abNur ein Bruchteil der Menschen, die mir geschrieben haben, sind Konservative. Eine politische Verortung links der Mitte zieht sich wie ein roter Faden durch die Zuschriften. Die Menschen fragen sich, warum man pl\u00f6tzlich wie ein reaktion\u00e4rer H\u00e4retiker behandelt wird, sobald man andere als radikale \u00dcberzeugungen hegt. Das Problem ist also nicht mehr nur der uralte Kampf zwischen Links und Rechts, sondern das, was ein*e Autor*in als das \u00bbHauen und Stechen\u00ab der Linken bezeichnet. Die Frage lautet nicht mehr: \u00bbWieso bist du nicht links?\u00ab, sondern: \u00bbWie kannst du es wagen, nicht so links zu sein wie wir?\u00abDie Umfrageergebnisse der Heterodox Academy und die Berichte, die man mir zugesandt hat, werden in den Augen mancher Leute nichts weiter als \u00bbAnekdaten\u00ab sein, schlie\u00dflich handelt es sich in beiden F\u00e4llen um Selbstausk\u00fcnfte, und nur eine wissenschaftliche Langzeitstudie mit 3000 umfangreichen Befragungen, deren Ergebnisse statistisch ausgewertet werden m\u00fcssten, w\u00e4re empirisch \u00fcberzeugend. Aber machen wir uns nichts vor: Um die moralische Verdorbenheit dieses Landes zu demonstrieren, br\u00e4uchte es f\u00fcr viele Menschen kaum mehr als ein halbes Dutzend Berichte \u00fcber schwarze Studierende, die von ihren Professor*innen strenger benotet werden als ihre wei\u00dfen Kommilitonen. Diese 150 Zuschriften veranschaulichen auf beredte Art und Weise ein grundlegendes und beunruhigendes Problem.<em>John McWhorter schreibt regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr \u00bbThe Atlantic\u00ab und ist Professor f\u00fcr Linguistik an der Columbia University. Er moderiert den popul\u00e4rwissenschaftlichen Linguistik-Podcast \u00bbLexicon Valley\u00ab.\u00a0K\u00fcrzlich ist sein Buch\u00a0\u00bbNine Nasty Words: English in the Gutter Then, Now and Always\u00ab (2021) erschienen.<\/em><a href=\"https:\/\/www.literaturfestival.com\/medien\/texte\/ilb-journal\/journal-2021#_ednref1\">[i]<\/a>Hochschulinterne \u00bbTitle IX\u00ab-Verfahren sind nach dem gleichnamigen Bundesgesetz benannt und werden nach Vorw\u00fcrfen sexuellen Fehlverhaltens eingeleitet. Auch anonymen Anschuldigungen wird nachgegangen. Es gibt immer wieder F\u00e4lle von Diffamierung.<em>Aus dem Englischen von Gregor Runge.\u00a0Dieser Text mit dem Original-Titel \u201eAcademics Are Really, Really Worried About Their Freedom\u201c erschien am 1.\u00a0September 2020 in<a href=\"http:\/\/https\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2020\/09\/academics-are-really-really-worried-about-their-freedom\/615724\/\">\u00a0\u201eThe Atlantic\u201c.<\/a><\/em><\/p><h2><strong>Gerechtigkeit und offene Debatte \u2013 ein offener Brief<\/strong><\/h2><p>Unsere kulturellen Institutionen stehen vor einer Zerrei\u00dfprobe. Die gewaltigen Proteste f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit und\u00a0<em>racial justice<\/em>, die sich derzeit ereignen, werden begleitet von l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen Forderungen nach Polizeireformen und mehr Gleichheit sowie Inklusion in allen Bereichen unserer Gesellschaft, nicht zuletzt in den Hochschulen, den Medien und der Welt der Kunst. Diese notwendige zivilgesellschaftliche Abrechnung mit den Verh\u00e4ltnissen in unserem Land hat jedoch auch zur Versch\u00e4rfung einer moralischen Haltung und eines politisches Handelns gef\u00fchrt, die unsere offene Debattenkultur schw\u00e4chen. Gegenseitige Toleranz trotz unterschiedlicher Meinungen weichen zunehmend ideologischer Konformit\u00e4t. W\u00e4hrend wir gegenseitige Toleranz entschieden begr\u00fc\u00dfen, lehnen wir ideologische Konformit\u00e4t entschieden ab. Auf der ganzen Welt erstarken die illiberalen Kr\u00e4fte. Diese haben in Donald Trump, der eine ernstzunehmende Gefahr f\u00fcr unsere Demokratie darstellt, einen m\u00e4chtigen Verb\u00fcndeten. Dennoch d\u00fcrfen wir nicht zulassen, dass sich der politische Widerstand zu einer Form von Dogma verfestigt. Rechte Demagogen ziehen aus der Tatsache, dass dies bereits geschehen ist, l\u00e4ngst Profit. Demokratische Inklusion, so wie wir sie uns w\u00fcnschen, kann nur dann erreicht werden, wenn wir gegen das Klima der Intoleranz, das auf allen Seiten herrscht, unsere Stimme erheben.Der freie Austausch von Informationen und Meinungen ist das Fundament einer jeden liberalen Gesellschaft und wird mit jedem Tag st\u00e4rker eingeschr\u00e4nkt. W\u00e4hrend wir drastische Formen der Kritik aus dem Lager der radikalen Rechten gew\u00f6hnt sind, l\u00e4sst sich \u00c4hnliches mittlerweile auch weit dar\u00fcber hinaus beobachten: Intoleranz gegen\u00fcber abweichenden Meinungen, \u00f6ffentliche Demontage und \u00c4chtung und die Tendenz, die Komplexit\u00e4t politischer Fragestellungen vor dem Hintergrund tr\u00fcgerischer moralischer Gewissheiten zu leugnen. Wir glauben nach wie vor an den Wert deutlichen, auch scharfen Widerspruchs, ganz gleich aus welchem politischen Lager. Inzwischen jedoch provozieren vermeintliche \u00dcberschreitungen sprachlicher oder gedanklicher Art h\u00e4ufig die Forderung, die betreffende Person m\u00fcsse bestraft werden. Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass die Verantwortlichen in den Institutionen, indem sie panisch versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben, \u00fcbereilte und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Sanktionen verh\u00e4ngen, anstatt wohl\u00fcberlegte Reformen anzugehen. Redakteur*innen werden entlassen, weil sie die Ver\u00f6ffentlichung streitbarer Artikel erm\u00f6glicht haben; die Publikation von B\u00fcchern wird wegen angeblicher \u00bbInauthentizit\u00e4t\u00ab zur\u00fcckgezogen; Journalist*innen d\u00fcrfen nicht mehr \u00fcber bestimmte Themen schreiben; Professor*innen, die im Unterricht bestimmte literarische Werke zitieren, m\u00fcssen mit Untersuchungen rechnen; ein*e Akademiker*in wird entlassen, weil er*sie eine bestimmte Studie in Umlauf gebracht hat, obwohl diese extern begutachtet worden war; Leiter*innen von Institutionen werden ihrer \u00c4mter enthoben, manchmal nur wegen einer Ungeschicklichkeit. Was auch immer die Argumente f\u00fcr die Vorf\u00e4lle im Einzelnen sein m\u00f6gen, die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, ohne dass Strafma\u00dfnahmen drohen, werden immer enger gezogen. Den Preis daf\u00fcr zahlen wir bereits. Schriftsteller*innen, K\u00fcnstler*innen und Journalist*innen scheuen zunehmend das Risiko. Vom Konsens abzuweichen, nicht entschieden genug konform zu gehen, kann existenzgef\u00e4hrdend sein.In letzter Konsequenz wird dieses Klima den dr\u00e4ngenden Vorhaben unserer Zeit schaden. Wenn ein repressives Regime oder eine intolerante Gesellschaft den gesellschaftlichen Diskurs limitiert, schadet das immer denjenigen, die keine Macht haben, schr\u00e4nkt das die demokratischen Partizipationsm\u00f6glichkeiten aller Menschen ein. Gegen problematische \u00dcberzeugungen k\u00f6nnen wir nur angehen, indem wir sie demaskieren, indem wir argumentieren und andere Menschen \u00fcberzeugen \u2013 wir d\u00fcrfen die Menschen, die sie \u00e4u\u00dfern, nicht zum Schweigen bringen oder sie uns davonw\u00fcnschen. Als Autor*innen m\u00fcssen wir experimentieren, Risiken eingehen, auch Fehler machen d\u00fcrfen. Wir m\u00fcssen weiterhin die M\u00f6glichkeit haben, uneins zu sein, ohne ernste berufliche Konsequenzen zu f\u00fcrchten. Wir k\u00f6nnen nicht von der \u00d6ffentlichkeit oder der Politik erwarten, die Grundlagen unserer Arbeit zu verteidigen, wenn wir nicht selbst dazu bereit sind.<\/p><div class=\"wp-block-columns\"> <div class=\"wp-block-column\"> <p><strong>Elliot AckermanSaladin Ambar, Rutgers UniversityMartin AmisAnne ApplebaumMarie Arana, AutorinMargaret AtwoodJohn BanvilleMia Bay, HistorikerinLouis Begley, SchriftstellerRoger Berkowitz, Bard CollegePaul Berman, AutorSheri Berman, Barnard CollegeReginald Dwayne Betts, LyrikerNeil Blair, LiteraturagentDavid W. Blight, Yale UniversityJennifer Finney Boylan, SchriftstellerinDavid BromwichDavid Brooks, KolumnistIan Buruma, Bard CollegeLea CarpenterNoam Chomsky, MIT (emeritiert)Nicholas A. Christakis, Yale UniversityRoger Cohen, AutorAmbassador Frances D. Cook, Diplomat a. D.Drucilla Cornell, Initiatorin des uBuntu-ProjektsKamel DaoudMeghan Daum, AutorinGerald Early, Washington University-St. LouisJeffrey Eugenides, SchriftstellerDexter FilkinsFederico Finchelstein, The New SchoolCaitlin FlanaganRichard T. Ford, Stanford Law SchoolKmele FosterDavid Frum, JournalistFrancis Fukuyama, Stanford UniversityAtul Gawande, Harvard UniversityTodd Gitlin, Columbia UniversityKim GhattasMalcolm GladwellMichelle Goldberg, KolumnistinRebecca Goldstein, AutorinAnthony Grafton, Princeton UniversityDavid Greenberg, Rutgers UniversityLinda GreenhouseRinne B. Groff, DramatikerinSarah Haider, AktivistinJonathan Haidt, NYU-Stern School of BusinessRoya Hakakian, SchriftstellerinShadi Hamid, Brookings InstitutionJeet Heer, The NationKatie Herzog, Podcast-Moderatorin\u00a0Susannah Heschel, Dartmouth CollegeAdam Hochschild, AutorArlie Russell Hochschild, AutorinEva Hoffman, AutorinColeman Hughes, Autor\/Manhattan InstituteHussein Ibish, Arab Gulf States InstituteMichael IgnatieffZaid Jilani, JournalistBill T. Jones, New York Live ArtsWendy Kaminer, AutorinMatthew Karp, Princeton UniversityGarry Kasparov, Renew Democracy InitiativeDaniel Kehlmann, SchriftstellerRandall KennedyKhaled Khalifa, SchriftstellerParag Khanna, AutorLaura Kipnis, Northwestern UniversityFrances Kissling, Center for Health, Ethics, Social PolicyEnrique Krauze, HistorikerAnthony Kronman, Yale UniversityJoy Ladin, Yeshiva UniversityNicholas Lemann, Columbia UniversityMark Lilla, Columbia UniversitySusie Linfield, New York UniversityDamon Linker, AutorDahlia Lithwick, SlateSteven Lukes, New York UniversityJohn R. MacArthur, Verleger und Autor<\/strong><\/p> <\/div>   <div class=\"wp-block-column\"> <p><strong>Susan Madrak, AutorinPhoebe Maltz Bovy, AutorinGreil MarcusWynton Marsalis, Jazz at Lincoln CenterKati Marton, AutorinDebra Mashek, WissenschaftlerinDeirdre McCloskey, University of Illinois at ChicagoJohn McWhorter, Columbia UniversityUday Mehta, City University of New YorkAndrew Moravcsik, Princeton UniversityYascha Mounk, PersuasionSamuel Moyn, Yale UniversityMeera Nanda, Autorin und DozentinCary Nelson, University of Illinois at Urbana-ChampaignOlivia Nuzzi, New York MagazineMark Oppenheimer, Yale UniversityDael Orlandersmith, Schriftstellerin\/SchauspielerinGeorge PackerNell Irvin Painter, Princeton University (emeritiert)Greg Pardlo, Rutgers University \u2013 CamdenOrlando Patterson, Harvard UniversitySteven Pinker, Harvard UniversityLetty Cottin PogrebinKatha Pollitt, SchriftstellerinClaire Bond Potter, The New SchoolTaufiq RahimZia Haider Rahman, SchriftstellerJennifer Ratner-Rosenhagen, University of WisconsinJonathan Rauch, Brookings Institution\/The AtlanticNeil Roberts, PolitikwissenschaftlerMelvin Rogers, Brown UniversityKat Rosenfield, AutorinLoretta J. Ross, Smith CollegeJ.K. RowlingSalman Rushdie, New York UniversityKarim Sadjadpour, Carnegie EndowmentDaryl Michael Scott, Howard UniversityDiana Senechal, Dozentin und AutorinJennifer Senior, KolumnistinJudith Shulevitz, AutorinJesse Singal, JournalistAnne-Marie SlaughterAndrew Solomon, AutorDeborah Solomon, Kritikerin und BiografinAllison Stanger, Middlebury CollegePaul Starr, American Prospect\/Princeton UniversityWendell Steavenson, AutorinGloria Steinem, Autorin und AktivistinNadine Strossen, New York Law SchoolRonald S. Sullivan Jr., Harvard Law SchoolKian Tajbakhsh, Columbia UniversityZephyr Teachout, Fordham UniversityCynthia Tucker, University of South AlabamaAdaner Usmani, Harvard UniversityChloe ValdaryHelen Vendler, Harvard UniversityJudy B. WalzerMichael WalzerEric K. Washington, HistorikerCaroline Weber, HistorikerinRandi Weingarten, American Federation of TeachersBari WeissCornel WestSean Wilentz, Princeton UniversityGarry WillsThomas Chatterton Williams, AutorRobert F. Worth, Journalist und AutorMolly Worthen, University of North Carolina at Chapel HillMatthew YglesiasEmily Yoffe, JournalistinCathy Young, JournalistinFareed Zakaria<\/strong><\/p> <\/div> <\/div><p><em>Aus dem Englischen von Gregor Runge.\u00a0<\/em>Dieser Text mit dem Original-Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/https\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\">&#8220;A Letter on Justice and Open Debate&#8221;<\/a>\u00a0erschien am 7. Juli 2020 in &#8220;Harpers&#8217;s Magazine&#8221;.<strong>The Making of an Archive \u2013 the Legacies of Susan Taubes\u00a0<\/strong><em>Sigrid Weigel<\/em>It all began with a novel. Twenty-six years ago, a book by Susan Taubes appeared in German translation under the unfortunate title \u00bbScheiden tut weh\u00ab (1995; Eng. \u00bbDivorcing\u00ab, 1969). Readers were first introduced to her by the fact that she was the first wife of the Jewish religious philosopher Jacob Taubes. That was 26 years after the author&#8217;s death, 26 years after the book\u2019s initial publication in the United States. The short timeframe between her first publication and the author&#8217;s suicide prompted the German publisher to promote the text as an autobiographical novel and as \u00bbSusan Taubes&#8217; final testament\u00ab.Such an interpretation is, however, ironically undermined by the novel itself. Indeed, it is framed from the perspective of a dead woman, the narrator Sophie Blind. After all, \u00bbIt is a dead woman who narrates.\u00ab This sentence appears in the second chapter as the main character explains the book project to her former lover Ivan when commenting on the origins of the novel: \u00bbNow that I&#8217;m dead, I can finally write my autobiography.\u00ab At the same time, this narrative perspective inverts the usual narrative genre of a literary autobiography: this autobiography is not based on the author&#8217;s legacy, but the author\u2019s death is prerequisite for the novel.<strong>Contemporaneity \u2013 \u00a0Susan Taubes and Ingeborg Bachmann<\/strong>It is not only this aspect of the novel that suggests parallels to Ingeborg Bachmann&#8217;s \u00bbMalina\u00ab (1971). With the disappearance of the first person and the final sentence: \u00bbIt was murder\u00ab, this novel, published two years later, also reflects the origin of the autobiography from the death of the narrating individual. For all the thematic similarities, however, there are clear differences. Taubes&#8217; writing, for example, is characterized by radical changes between everyday life and dreamlike surroundings. She tells the story of a Jewish intellectual whose memories of a childhood in Budapest in the 1930s are only recounted in the last of the three large chapters \u2013 only after one has already learned of Sophie Blind&#8217;s accidental death, heard details of her funeral, witnessed a conversation between the surviving husband, scholar and rabbi Ezra, and his student at her deathbed, and only after a series of fantastic scenarios that could have come from a surrealist play are presented to the reader. Indeed, significant distortions occur to the settings, such as the transformation of a wedding into a funeral or the transition of a scientific assembly into the scene of an interrogation and trial. Not only are the plot and linguistic registries interwoven with various modern rituals, but the different places Sophie has been (mainly Paris, Manhattan, Budapest, Jerusalem) and the various people from her life are also crossfaded and merged into each other. This process is also what happens in the dream sequence, which opens up another similarity to Bachmann&#8217;s \u00bbMalina\u00ab, even if the setting of the dream is presented in a separate chapter, divorcing the dream sequence from reality.Susan Taubes&#8217; book is also a great, fascinating novel, which made it all the more puzzling that the author was nearly completely unknown, even if the novel does state, among other things, that \u00bbeverything about me is public.\u00ab This phrase, however, is not a reference to the author as an individual but to the suppositions associated with her last name, which stretch both before and beyond the novel. Through her marriage to the contentious religious philosopher Jacob Taubes, her name was by no means a blank slate, and her private life was not entirely unknown within interested circles. The following can, however, be gleaned from the publication of the novel and the contextual information: Born in Budapest in 1928, Susan Taubes had emigrated to the United States in 1939 with her father, a psychoanalyst, and had married Jacob Taubes, a philosopher and rabbi from Vienna who was five years her senior and had grown up in Zurich, with whom she had two children and from whom she had divorced long before her death. If one does not want to read the novel simply as a roman-\u00e0-clef, however, not much is known about the writer Susan Taubes beyond her role as the divorced wife of the well-known philosopher.In this context, it is worth following the hints the author left on the pages of her novel: not the references to her life story, but the clues to her forgotten publications and packed away notes. Whereas in Bachmann\u2019s \u00bbMalina\u00ab, the first-person narrator, a writer, attempts to hide her love letters in her secretary before her disappearance at the end of the novel in order to keep these legacies from the gaze of the surviving narrator, the relationship between hidden and public writings seems to be the opposite for Susan Taubes&#8217; main character. Noticeably, her publications were hidden, while her personality was already exposed to the public.My research, following the path laid out by the novelist, led to the discovery of a completely different, unknown Susan Taubes. Under this author&#8217;s name, I found a series of highly interesting works by a philosopher of religion with a doctorate from the 1950s: a dissertation on Simone Weil and several contributions to the philosophy of apophatic theology, into which she incorporates the experiences of modernity, war, the Holocaust, and exile. Thus, in her essay \u00bbThe Absent God\u00ab (1955), with reference to Simone Weil, she examines a modern way of thinking in which the figure of the absent God takes shape through negative theology. After reading these works, the author took on increasingly clear contours; the image of a unique intellectual emerged. Not only does her biography provide insights into Jewish emigration between Europe, the USA, and Israel in the twentieth century; her writings also unfold at the intersection of philosophy, literature, and cultural anthropology, thus foreseeing perspectives that became current with the \u00bbcultural turn\u00ab in the humanities in the 1980s and 1990s. All this was reason enough to search for further evidence.<\/p><h2><strong>Searching for Traces \u2013 In Search of Legacies<\/strong><\/h2><p>Sigrid WeigelAlthough the search for additional publications did not yield many results, the existing texts did spark curiosity. It was now a matter of changing the scope and method: moving away from the library to the question of whether there was a literary estate, i.e.\u00a0<em>Nachlass<\/em>, or whether any other legacies existed. A formal\u00a0<em>Nachlass<\/em>, as an institution distinct from a random assortment of dispersed and\/or private effects, was not to be found for Jacob or Susan Taubes in any archive. In this respect, it was clear that Susan Taubes had not been one of those authors who arrange their papers, manuscripts, correspondence, and diaries throughout their lifetime in order to prepare them for posthumous publication or their\u00a0<em>Nachlass<\/em>.In the absence of a\u00a0<em>Nachlass<\/em>, the task was to search for any legacies or for heirs or surviving family members. Legacies being the documents that are located, as it were, in front of the archive, or outside of it. In any case, they are found in other places, possibly scattered. Legacies are the\u00a0<em>heterotopias<\/em>\u00a0of the archive: they are found in a single real place that juxtapose several spaces, as outlined by Michel Foucault in the well-known essay \u00bbDes espaces autres\u00ab (1967). They are either not listed in the catalog of\u00a0<em>Nachl\u00e4sse<\/em>, collections, or libraries, or they are hidden in a\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0that operate under a different name,\u00a0<em>documents incognito<\/em>, as it were, unarchived \u2013 unless they fall into the hands of an interested party. Indeed, before documents can be transformed into monuments, into so-called archive material, they have to be identified, located, and filtered, often in quite unexpected spaces. In this respect, they are only partially accessible through systematic research. Research needs to be thereby shifted to the reconstruction and the retracing of possible pasts and past paths and potential locations of testimonies, to the study of transfer in the subjunctive (<em>Transferkunde im Konjunktiv<\/em>). In doing so, it navigates the results of many individual, be it accidental or intentional, actions. These include those of directly or indirectly affected persons and institutions such as heirs, family members, friends, pen pals, editors, publishers, institutions, etc., through whose hands or files the testimonies reached their current location \u2013 the place where they were found. In this way, the actors decided on the preservation or destruction, collection or dispersion of the information.In the case of Susan Taubes, it was the copyright notice \u00bbby Ethan and Tanaquil T. Taubes\u00ab that pointed the way. It turned out that these are the names of the children of Susan and Jacob Taubes, both of whom live in New York. Naturally, I contacted them and inquired as to whether there were any other publications by Susan Taubes. The author\u2019s copies and prints they sent me added detail to the picture of the author, who had not only written a novel and various works on the philosophy of religion, but had also published one or two stories and literary-critical contributions on theatre, e.g., on Jean Genet. From a story by Susan Sontag that was sent to me, it could also be deduced that Susan Taubes belonged to a circle of women writers centred around Susan Sontag in the 1960s. The hint to other unpublished manuscripts made me curious. This initial exchange of letters developed into a steady correspondence, and this correspondence led to a first meeting during Ethan Taubes\u2019 1999 visit to Berlin.I do not remember how often we sat together afterwards and talked about Jacob and Susan Taubes. From Ethan Taubes&#8217; stories about his parents, I could admire the art in which he provided a dual perspective, speaking on the one hand as a son, and on the other as a precise observer of the place both parents had in the Jewish Intellectual History of the 20<sup>th<\/sup>century. From him, I was also able to learn that he and his sister were in possession of their mother&#8217;s few material belongings and that Ethan&#8217;s apartment in New York contained several boxes of manuscripts, correspondence, and diary entries. In his description of these legacies, I became convinced that they should not sit gathering dust in closed boxes. Many more meetings took place in Berlin and in Manhattan, until we finally signed a contract in which it was agreed that the heirs would leave me the written legacy of their mother, which I would bring to Berlin in order to sift through and potentially compile it into an edited volume.During the discussions, a number of decisions were made that were prerequisites for the establishment of the\u00a0<em>Nachlass<\/em>. The most difficult question for them was whether to give their mother&#8217;s legacies to Germany. The heirs ultimately decided to part with the physical documents. I myself had to decide in favour of a longer-term commitment to this legacy, knowing the lengthy path to building up an archive and preparing an edited volume. Briefly summarized, this involved the following steps:- to transform the legacies into a\u00a0<em>Nachlass<\/em>, i.e. to establish the legal form of an archive into whose possession the writings have come (Susan Taubes Archiv e.V.);- to transfer, arrange, archive, and sift through the papers in order to get an overview and to decide what should be published;- to raise third-party funds in order to allow for the work at all.All of this is immensely time-consuming and impossible to manage alone. It was a stroke of luck that I was soon able to win over the literary scholar Christina Pareigis for the project; she is to be thanked above all for the systematic organization of the materials. However, neither of us had any idea at the time how long we would spend working with Susan Tauber&#8217;s\u00a0<em>Nachlass<\/em>. After an initial review, it became clear that we were dealing with the writings of a very unique author and intellectual. Based on the fascinating evidence ranging from the substantial correspondence between Jacob Taubes in Jerusalem and Susan Taubes in the U.S. and Paris, respectively, in the early 1950s, to literary and scientific manuscripts, to diaries, it was clear that Susan Taubes deserved both a biography and an edited tome.<strong>From Legacy to Archive<\/strong>Transferring legacies to an archive does not only mean that the writings change hands, become subject to legal forms, and advance to the state of a research object. It also means a change of place and, more importantly, a change from an intimate family space to an institutionalized academic space. In such a transfer, materials are removed from the context of familial memorial culture and placed instead into a research context. Just as the family photo album in the museum becomes a contemporary historical document, love letters in the\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0archive are transformed into biographical testimonies. \u00a0Christina Pareigis and I were exposed to an impressive scene of private memory culture when we flew to New York in the spring of 2003 to transport Susan Taube&#8217;s legacies to Berlin. In one of those typical New York apartments in an old building on the Lower East Side, waiting for the handover at the appointed time, we were presented with a scene worthy of a film: On the small dining table, two suitcases with open lids, containing a wide variety of papers \u2013 passports from various phases of life, from Hungary and the U.S. with visas for Israel, France, and other places; letters, diary pages, and other scraps of records. Below, under the table, a cardboard box filled with notebooks and envelopes full of manuscripts and correspondence. On the outside of the box, the inscription simply stated: \u00bbMom&#8217;s Writings\u00ab.At the sight of these suitcases, a wide variety of images of the suitcase as a symbol of emigration and exile flashed before my eyes: the suitcases in Sigmund Freud&#8217;s former apartment in Vienna&#8217;s Bergstrasse; Else Lasker-Sch\u00fcler&#8217;s suitcase, found only a few years ago in Zurich, in the basement of the Zurich bookstore Olbricht, meeting place and publication site of many Jewish authors during the Third Reich, a find I had been committed to transferring to the Jerusalem estate at the time; all the way to those suitcase depictions that have become ciphers of emigration in contemporary art. Deciphering the inscription \u00bbMom&#8217;s Writings\u00ab was synonymous with the realization that a\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0not only preserves the legacies of writers, but at the same time destroys their familial afterlife (<em>Nachleben<\/em>). In this case, afterlife does not mean preservation, but rather the possibility of re-memory. Afterlife \u2013 at least in the sense as it was conceived by the first cultural studies around 1900, by Warburg, Freud, and Benjamin \u2013 means virtual recurrence. To be sure, there is also another afterlife; it is the afterlife of works through reading, as was extensively discussed by Walter Benjamin. But it was clear at that moment that it would take years for the writings left behind in the archive to be processed \u2013 sifted through, selected, transcribed, printed, and published \u2013 until they were ready to be read again in a different, public context. First of all, a work must first be produced from the manuscripts in order to enable its afterlife through the act reading.The scene of the handover was a threshold moment \u2013 no longer intimate memory, not yet ordered in the archive: disorganized and organized at the same time. In the physical scene of the New York handover, it looked as follows: Each of the participants picked up a document, began to read quietly, involuntarily reading aloud at particularly fascinating passages. Individual sentences suddenly filled the room, fragments of a biography that at that moment were transformed into a memorial. Later, in the archives, one will search for them again to place them in their \u00bbhistorical context\u00ab. A sentence from Susan Taubes&#8217; never-sent letter to Jacob, about participating in religious rituals, has since become for me a kind of pathos formula of their intimate correspondence: \u00bbI&#8217;m simply terrified\u00ab. A lucky find that will shape editorial and biographical work, beyond all theoretical and methodological reflection. This sentence immediately connected with a statement from Hannah Arendt&#8217;s \u00bbDenktagebuch\u00ab, in which she outlines a little theory on love: \u00bbLove is an event that can become a story or a fate.\u00ab I&#8217;m afraid that in Susan Taubes&#8217; case, love was clearly fate, if not destiny.But the question of whether biographical research must not deny itself such associations if, in Philippe Leujeune&#8217;s words, it follows the claim to bring information \u00bbabout a &#8216;reality&#8217; that lies outside the text and thus submits itself to the test of truth\u00ab. What would this\u00a0<em>reality<\/em>\u00a0be in light of the fact that there are only texts? And why actually \u00bbonly\u00ab?<strong>The Myth of The Eyewitness<\/strong>Other sources that go beyond texts, which biographers like to consult abundantly, are the so-called eyewitnesses, i.e. contemporaries, friends, partners, colleagues of the person whose life story is being discussed. I confess that I do not think too highly of this kind of testimony. The word \u00bbeyewitness\u00ab is itself already problematic, as if someone could be a witness of a time, an epoch, or a historical situation; he or she is at best a witness of his or her own specific perspective of experience and perception. Thus, the statements of so-called eyewitnesses or contemporary accounts in the context of biographical research usually communicate more about the observer than about the person about whose personality, habitus, opinion, or development they are supposed to provide information. They often say much more about hidden fears, desires, about competition and jealousy, which are linked to their personal memories of the individual. That is why, in working on the intellectual biography of Ingeborg Bachmann, I had decided to dispense with this kind of information altogether. In the book, contemporary witnesses are replaced by testimonies, be they published or unpublished texts by critics, contemporaries, or friends, which can be read, i.e., scrutinized for the metaphors, slips of the tongue, and presuppositions inscribed in them.Given the lack of knowledge about Susan Taubes&#8217;s circumstances, however, I did not want to forego entirely this time the attempt to interview people who were close to her \u2013 so I traveled to New York in the spring of 2004. Through the interviews I conducted there, I was able to gain insights into the lives of New York intellectuals that I am glad I did not miss out on. But I did not learn anything about the author Susan Taubes.There was the breathtaking view from that Art Deco house on Central Park West, whose fa\u00e7ade I had often admired from the park, and where I now sat, in the apartment of a psychoanalyst, to talk with Susan Taubes&#8217; younger friend about the author. The friend was far too sensitive to the pitfalls of memory, too unforthcoming to judge others, and all too aware that she, as a much younger person, had only partially noticed or even understood anything of the older friend&#8217;s life at the time to be able to give any biographical information at all about her deceased friend. There had been little talk about her work anyway. In this respect, the \u00bbinterview\u00ab turned out to be more of a cautious approach to the attempts to understand at least something of the life and especially of the death of Susan Taubes, as we discussed impressions from reading and her memories. None of this would enter into the \u00bbbiographical context\u00ab of Taubes&#8217; writings.And then there was the meeting with Susan Sontag, brought about after complicated preliminary talks orchestrated by Tania Taubes, for whom the mother&#8217;s friend represented a not unimportant link to the dead. She requested that I thoroughly prepare a few days before: I would need know all of Susan Sontag&#8217;s publications, that was important. Yes, of course, her essays on photography and her books on cancer and the illness as a metaphor were very familiar to me. No, the literary texts: Susan Sontag sees herself first as a literary author and also makes a point of being addressed as such. So, I went to the Columbia University Bookstore and got all the Sontag novels and stories I could find and spent the whole weekend with that stack of books. As it quickly turned out, I still was not adequately prepared. For in none of the author&#8217;s notes on Susan Sontag did I find that she, too \u2013 and before Susan Taubes, as she pointed out \u2013 had taught in Columbia&#8217;s Department of the History of Religion. In the subsequent conversation, I did not learn much about Susan Taubes, but quite a bit about Susan Sontag. Despite everything, it was an impressive visit, not least because of the view of the surrounding skyscrapers from the penthouse on 24<sup>th<\/sup>\u00a0Street in Chelsea. A few hours before our meeting, Susan Sontag had received news about her cancer, which had returned, and from which she died a shortly thereafter. She nevertheless insisted that we not leave, was at first unfocused, and then spoke about her own personal history. As a parting gift, she handed me a typewritten copy of Susan Taubes&#8217; dissertation \u00bbThe Absent God: A Study on Simone Weil: On the Religious Use of Tyranny\u00ab (1956), which she had found in her library and of which we in the Berlin archive had previously only had a photocopy. It is the only trace of this encounter that will go into the\u00a0<em>Nachlass<\/em>.This experience and my other New York encounters confirmed my previous conviction: Eyewitnesses are not witnesses to the lives and personalities of others, but only to their own memories. In this respect, they are of little value as references for biographical research. Unsuitable as witnesses for the biographies of others, they are for the most part no longer ascertainable for their own biographies, because these are predominantly created after their death. What remains are the legacies.<strong>Letters and Secrecy of Letters<\/strong>Letters are \u2013 next to the individual\u2019s work \u2013 among the most important testimonies of authors. Contrary to Dilthey&#8217;s opinion, letters are not of limited value, but they are certainly precarious testimonies, since they establish the dispersion of legacies. In this respect, the testimonies for biographies in the age of epistolary communication that is coming to an end are often hidden in the\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0of their pen pals \u2013 or have disappeared in their wastepaper baskets. But they are also precarious testimonies because they occupy the threshold to the archive, where personal testimonies and intimate communications are transformed into public documents, where the secrecy of the letter is lifted and the readers \u2013 objectively \u2013 become confidants or voyeurs. Often letters are on this side of the\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0to which they belonged by the author&#8217;s name, sometimes not even in the\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0of the recipient, especially when such a\u00a0<em>Nachlass<\/em>\u00a0does not exist at all because the recipient is either still alive or was not an \u00bbauthor\u00ab or \u00bbpersonality\u00ab. Many letters remain potential documents in the status of perpetual latency. Thus, in the case of my book on Bachmann, the simple consideration that her own letters are not in her (partially blocked) Viennese\u00a0<em>Nachlass<\/em>, but in the Nachl\u00e4sse of her presumed pen pals, enabled me to follow a previously unused research path and to open up a completely new field of biographical testimony.Due to such contexts, letters condense that double meaning from\u00a0<em>mal d&#8217;archive<\/em>\u00a0(1995) that Jacques Derrida discussed in his book of the same name: Archive Evil and Desire for the Archive at the same time. The closeness he establishes between archival theory and psychoanalysis is motivated by the disruptions or confusions of the archive associated with the Freudian notion of censorship and the desire for disclosure. \u00bbIt means having to search ceaselessly, endlessly for the archive, where it pulls itself back. It means running after it, where, even if there is too much of it, something is archived in it.\u00ab In the case of a\u00a0<em>Nachlass<\/em>, this structure becomes relevant in the most concrete way imaginable: What testimonies end up in a\u00a0<em>Nachlass<\/em>? What obstacles stand in the way? Who decides about the corpus, about its accessibility? What kind of desire is directed toward bequests? And in studying letter testimonies that enter an estate, one is confronted in the most concrete way imaginable with the problem of letter secrecy and questions of censorship, across an enormous range of the concept of censorship: from inhibitions about intimate communications \u2013 \u00bbdo I even want to know?\u00ab \u2013 to legal norms and usages such as the necessary consent of the letter partners and the ban on publication (for up to 30 years after the death of the writer) and considerations of personality protection vis-\u00e0-vis persons mentioned in correspondence, to the balancing of the interests of research, the readers, and the public on the one hand, and justified motives for not publishing something or including it in a biography. The threshold between epistolary secrecy and the archive is a hot and contested topic.Nevertheless, we decided to begin the edition of Susan Taubes&#8217; writings with the correspondence between Susan and Jacob Taubes from the beginnings of their relationship (1950-1952). It is a quite extraordinary testimony, particularly vivid in its multilingualism: an exchange in which love and philosophy, the struggle for a Jewish life after the rupture of civilization and with the cracks in tradition are inextricably intertwined.<em>Ins Englische \u00fcbersetzt von Andrew Stonehouse.\u00a0<\/em>Dieser Text mit dem Original-Titel \u201eVon der Herstellung eines Archivs &#8211; die Hinterlassenschaften Susan Taubes\u201c ist\u00a0 in &#8220;Spiegel und Maske. Konstruktion biographischer Wahrheit&#8221; im Jahr 2006 erschienen.<strong>Literatur von und \u00fcber S. Taubes:<\/strong>Susan Taubes, Schriften, hgg. v. Sigrid Weigel, M\u00fcnchen: FinkBd. 1,1: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1950-1951, hgg. u. kommentiert v. Christina Pareigis (2011)Bd. 1,2: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1952, hgg. u. kommentiert v. Christina Pareigis (2013)Bd. 2: Philosophische Schriften, hgg. u. kommentiert v. Thomas Macho und Johannes Steizinger (im Druck)Bd. 3: Prosaschriften. Hgg. u. kommentiert v. Christina Pareigis. Aus dem Amerikanischen von Werner Richter (2015)Susan Taubes, Nach Amerika und zur\u00fcck im Sarg. Roman, \u00fcbersetzt v. Nadine Miller, Berlin: Matthes &amp; Seitz 2021Christina Pareigis, Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie, G\u00f6ttingen: Wallstein 2020.Sigrid Weigel: Zwischen Religionsphilosophie und Kulturgeschichte. Susan Taubes zur Geburt der Trag\u00f6die und zur negativen Theologie der Moderne, In: Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schaupl\u00e4tze von Shakespeare bis Benjamin. M\u00fcnchen 2004. S. 127-145.<\/p><figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"433\" height=\"577\" class=\"wp-image-48173\" src=\"https:\/\/literaturfestival.com\/wp-content\/uploads\/21-28.jpg\" alt=\"\"><figcaption>\u00a0\u00a9 John Banville<\/figcaption><\/figure><h2><strong>\u00bbSO TO SPEAK\u00ab-TRANSKRIPT:\u00a0JOHN McWORTHER ZUFOLGE MACHEN SICH WISSENSCHAFTLER*INNEN GROSSE SORGEN<\/strong><\/h2><p>Von Nico Perrino\u00a029. Januar 2021<strong>Nico Perrino<\/strong>: Willkommen bei \u00bbSo to Speak\u00ab, dem Free Speech-Podcast. Alle zwei Wochen besch\u00e4ftigen wir uns anhand pers\u00f6nlicher Geschichten und authentischer Gespr\u00e4che g\u00e4nzlich unzensiert mit dem Thema Redefreiheit. Ich bin Nico Perino, der Moderator dieses Podcasts, und mein heutiger Gast ist John McWorther. John ist Associate Professor f\u00fcr Englisch und Komparatistik an der Columbia University. Er ist der Autor von mehr als zw\u00f6lf B\u00fcchern, einer der wichtigsten Linguisten hierzulande und Host des Podcasts \u00bbLexicon Valley\u00ab. Letztes Jahr hat John in \u00bbThe Atlantic\u00ab einen viel besprochenen Artikel publiziert: \u00bbAkademiker*innen sind um ihre Freiheit besorgt\u00ab. Ende letzten Jahres wurde er Leitungsmitglied von \u00bbFIRE\u00ab, der Foundation for Individual Rights in Education, einer Stiftung, die sich f\u00fcr den Schutz der Pers\u00f6nlichkeitsrechte an Bildungseinrichtungen engagiert. Herzlich willkommen, John. Sch\u00f6n, dass du da bist.<strong>John McWorther<\/strong>: Danke f\u00fcr die Einladung, Nico.<strong>Nico<\/strong>: Okay, lass uns einen Blick in die Vergangenheit werfen: Letztes Jahr im Juli hast du in \u00bbThe Atlantic\u00ab besagten Artikel ver\u00f6ffentlicht. Du berichtest darin von Zuschriften, die dich so gut wie t\u00e4glich erreichen, Zuschriften von Lehrenden an Universit\u00e4ten, die Angst um ihre Karriere haben, weil ihre Ansichten nicht mit dem kompatible sind, was du als \u00bbGebote der woken Community\u00ab bezeichnest. Was war da los?<strong>John<\/strong>: Mich hat ziemlich \u00fcberrascht, wie schnell sich das Thema in den Vordergrund gedr\u00e4ngt hat. Letztes Fr\u00fchjahr, nach dem Mord an George Floyd, kamen viele Menschen zu der \u00dcberzeugung, dass mit Amerikas Verh\u00e4ltnis zu\u00a0<em>race<\/em>\u00a0\u00bbabgerechnet\u00ab werden muss. Diejenigen, die das Ganze vorangetrieben haben, sind von der sogenannten Critical Race Theory beeinflusst. Tats\u00e4chlich handelt es sich dabei um eine extreme Form des \u00bbWokeismus\u00ab, der sich seit etwa 2014, massiv durch die sozialen Medien befeuert, intellektuelle Kreise durchdrungen hat.Wer das Land durch die Brille dieser Theorie sieht, hat diesen Moment der \u00bbAbrechnung\u00ab als Gelegenheit begriffen, uns nicht nur seine*ihre Sicht aufzuzwingen, dar\u00fcber, wie die Dinge sind und wie sie eigentlich sein sollen und was wir daf\u00fcr tun m\u00fcssen, sondern uns in gewisser Weise auch Angst zu machen. Diese Angst hat auch ihre guten Seiten, es geht schlie\u00dflich um Fragen sozialer Gleichheit, aber die Angst davor, als \u00bbRassist\u00ab bezeichnet zu werden, hat viele Leute in wichtigen Positionen dazu veranlasst, sich der Weltsicht dieser Leute komplett zu unterwerfen. Pl\u00f6tzlich wurde man \u2013 selbst wenn man dem linken politischen Spektrum zuzuordnen war \u2013 f\u00fcr bestimmte Positionen angegriffen oder gek\u00fcndigt oder von Leuten, die fanden, dass man nicht links genug ist, sich nicht in einem ausreichenden Ma\u00df daran beteiligt, die Machtungleichheiten in unserer Gesellschaft abzubauen \u2013 und das ist es ja, worum es hier haupts\u00e4chlich geht \u2013, pl\u00f6tzlich wurde man von diesen Leuten an den Pranger gestellt.Ich habe diese Theorie schon immer kritisch gesehen, und \u00fcber die letzten Jahre bin ich relativ bekannt geworden, weil ich mich an der Debatte \u00fcber freie Meinungs\u00e4u\u00dferung beteilige. Ich habe mich daran gest\u00f6rt, dass ein Freund von mir, der Sprachwissenschaftler Steven Pinker, von einer sehr kleinen, aber sehr lautstarken Gruppe von Kolleg*innen angegriffen wurde. Diese Leute fanden, er sei nicht \u00bbwoke\u00ab genug, und forderten, man solle ihm seine Ehrungen und sein Standing innerhalb der Linguistic Society of America aberkennen. All dem lag eine reichlich bem\u00fchte Lesart seiner Tweets und Statements zu Grunde.Ich habe auf Twitter sehr entschieden Partei f\u00fcr ihn ergriffen, entschiedener als ich mich je zuvor auf Twitter ge\u00e4u\u00dfert hatte. Und pl\u00f6tzlich sagte eine ganze Reihe von Leuten, dass auch sie den Umgang mit Steve als ungerecht empfunden h\u00e4tten. Und dann bekamen ich und Glenn Loury, mit dem mich in einer Ausgabe von \u00bbBloggingheads\u00ab \u00fcber die Sache unterhalten hatte, Zuschriften von Lehrenden aus dem ganzen Land und der ganzen Welt, die uns erz\u00e4hlten, dass sich das Klima massiv ge\u00e4ndert hat. Obwohl ich im letzten Sommer mit einer Reihe anderer Dinge besch\u00e4ftigt war, geh\u00f6rte ich auf einmal zu einer Gruppe von Leuten, die gewisserma\u00dfen als Dokumentationsstelle f\u00fcr solche F\u00e4lle angesehen werden. Und was mich wirklich beeindruckt hat, war die Vielzahl an Zuschriften.<strong>Nico<\/strong>: Erreichen dich diese Mails nach wie vor? Oder ist es weniger geworden?<strong>John<\/strong>: Ich bekomme mindestens eine Zuschrift pro Woche. Ich sammle nach wie vor alles in einer Datei. Gerade f\u00e4llt mir noch ein, dass auf Twitter damals jemand behauptet hat \u2013 eine*r der Sprachwissenschaftler*innen, die sich an der Aktion gegen Steven Pinker beteiligten hatten, glaube ich \u2013, ich w\u00fcrde l\u00fcgen und dass ich keine Zuschriften dieser Art bekommen h\u00e4tte. Also habe ich getwittert: \u00bbIch l\u00fcge nicht und kann diese Berichte gern zur Verf\u00fcgung stellen\u00ab. Das wurde dann auch angefragt. Ein paar Wochen gab es eine Flut von Anfragen. Aber ja, wie gesagt, im Moment kommt ungef\u00e4hr eine Mail pro Woche.<strong>Nico<\/strong>: Viele Leute, die dir schreiben, wollen anonym bleiben, um ihren Job nicht zu gef\u00e4hrden, das ist ein Problem. W\u00fcrdest du sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen denen, die \u00f6ffentlich ihre Meinung sagen und denen die anonym bleiben wollen? Geht es hier um die Aussicht auf ordentliche, das hei\u00dft unk\u00fcndbare Professuren? Die Karriere wird wohl eine gro\u00dfe Rolle spielen, Leute m\u00fcssen ihre Hypotheken abzahlen und haben Familien, viele wollen den Kahn wahrscheinlich nicht zu sehr ins Schaukeln bringen. Aber irgendwann erhofft man sich eben doch eine kritische Masse an Betroffenen, die sich \u00f6ffentlich und entschieden f\u00fcr ein Ende der Zensur aussprechen. Aber bis es so weit ist, wirst du wohl weiter diese Mails bekommen.<strong>John<\/strong>: Meinem Eindruck nach ziehen vor allem \u00e4ltere Leute, das hei\u00dft unk\u00fcndbare Professor*innen, deren Laufbahn sich dem Ende n\u00e4hert, in Erw\u00e4gung, an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen und\/oder nicht anonym zu bleiben. Und ja, das Problem l\u00e4sst sich nur \u00fcberwinden, wenn eine kritische Masse couragierter Leuten zusammenkommt. Aber man trifft nicht mal eben so die Entscheidung, in die \u00d6ffentlichkeit zu gehen, das h\u00e4ngt ganz von den Umst\u00e4nden ab. Wer allerdings glaubt, dass die Leute, die sich mit dieser Ideologie infiziert haben, ansprechbar sind, dass man sie zum Beispiel \u00fcber John Stuart Mill aufkl\u00e4ren und ihnen begreiflich machen kann, dass Meinungsvielfalt wichtig ist, der irrt. Was das angeht, habe ich keinerlei Hoffnung.Nur sehr wenige dieser Leute sind ansprechbar und lassen sich \u00fcberzeugen. Und genau denen m\u00fcssen wir unsere Position klarmachen. Damit sie damit aufh\u00f6ren zu glauben, sie k\u00f6nnten alles erreichen, indem sie andere beschimpfen. Andererseits habe ich leicht reden, ich bin 55 und Professor und werde meinen Job nicht verlieren, au\u00dferdem beziehe ich mein Einkommen nicht nur aus einer Quelle. Aber klar, wenn ich als Dozent an einer Fakult\u00e4t f\u00fcr Geschichtswissenschaften arbeiten w\u00fcrde, deren Belegschaft mit Ausnahme vielleicht der chinesischen Kollegin am Ende des Flurs dieser woken Ideologie anh\u00e4ngt, und wenn ich damit rechnen m\u00fcsste, gek\u00fcndigt zu werden, w\u00fcrde ich erst dann etwas sagen, wenn ich ordentlicher Professor geworden bin und nicht mehr gek\u00fcndigt werden kann.Aber selbst dann wird einem unter Umst\u00e4nden gedroht. \u00dcbrigens bin ich aus b\u00fcrokratischen Gr\u00fcnden, die viel zu langweilig sind, um sie hier auszubreiten, kein ordentlicher, unk\u00fcndbarer Professor. An der UC Berkeley war ich das zwar, nicht aber an der Columbia University, und h\u00f6chstwahrscheinlich werde ich es dort auch nie werden. Aber ich sage trotzdem meine Meinung, weil ich aus verschiedenen Gr\u00fcnden davon ausgehen kann, dass man mich nicht entlassen wird. Und selbst wenn man mich entlassen w\u00fcrde, k\u00e4me ich noch \u00fcber die Runden. Aber das gilt nur f\u00fcr mich. Andere Leute m\u00fcssen vorsichtiger sein. \u00a0<strong>Nico<\/strong>: Nicht immer k\u00f6nnen Lehrende oder Fakult\u00e4tsangestellte wissen, wo eigentlich Gefahren lauern oder worin diese Gefahren bestehen. Du hast neulich \u00fcber einen Fall an der University of Illinois in Chicago getwittert. Es ging um einen Jura-Professor, der \u00fcber Jahre hinweg ein- und dieselbe Fallstudie abgepr\u00fcft hat, in der es um Diskriminierung am Arbeitsplatz geht. In der Beschreibung des Sachverhalts, den die Studierenden juristisch kommentieren sollten, kommen zwei Schimpfw\u00f6rter vor. Im Text waren aber nur die Anfangsbuchstaben zu lesen, die Anzahl der restlichen Buchstaben war durch Unterstriche kenntlich gemacht. Und trotzdem sieht sich dieser Professor mit einer Untersuchung konfrontiert. Man k\u00f6nnte also sagen, dass es Gefahren gibt, mit denen man rechnen kann \u2013Politik, Critical Race Theory, sexuelle oder Genderidentit\u00e4t \u2013, aber ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass es problematisch sein k\u00f6nnte, Jura-Studierende mit Falldarstellung zu konfrontieren, in denen eher unappetitliche Aspekte des menschlichen Wesens zum Ausdruck kommen. Aber f\u00fcr den Professor ist diese Sache zu einem Problem geworden. Wie viele F\u00e4lle, von denen du wei\u00dft, sind mit diesem vergleichbar? F\u00e4lle, in denen Lehrende unabsichtlich auf eine dieser Minen treten?<strong>John<\/strong>: Es werden immer mehr, was ich sehr beunruhigend finde. Der von dir geschilderte Fall ist besonders verst\u00f6rend, weil die Dinge hier auf der Hand zu liegen scheinen. In all den Jahren zuvor hat sich niemand an der Pr\u00fcfungsfrage gesto\u00dfen. Dass sich das ausgerechnet 2021 ge\u00e4ndert hat, nach allem, was im letzten Fr\u00fchling passiert ist, ist kein Zufall. F\u00e4lle wie der in Chicago h\u00e4ufen sich. Jemand tut etwas, ist dabei vollkommen arglos und verliert trotzdem seinen Job, dabei h\u00e4tte noch vor f\u00fcnf Minuten kein Mensch wegen so einer Sache mit der Wimper gezuckt. Nehmen wir Laurie Sheck, die bekannte Schriftstellerin, die seit zwanzig Jahren an der New School in New York City unterrichtet. Sie hat einen Kurs \u00fcber James Baldwin gegeben.Und in dem Kurs hat sie den Dokumentarfilm \u00fcber Baldwin angesprochen, \u00bbI Am Not Your Negro\u00ab. Sie hat klargestellt, dass die Stelle bei Baldwin eigentlich anders hei\u00dft. Ich gehe davon aus, dass ich hier \u2013 aus naheliegenden Gr\u00fcnden \u2013 zitieren darf: Jedenfalls hei\u00dft es bei Baldwin: \u00bbI\u2019m not your Nigger\u00ab. Laurie Black ist nicht schwarz, hat aber Baldwin zitiert und das Wort trotzdem verwendet. Im Anschluss hat sie den Kurs zu einer Diskussion \u00fcber die Frage ermutigt, warum es bei Baldwin\u00a0<em>so<\/em>\u00a0und der Dokumentarfilms anders hei\u00dft. Sie wollte eine problembewusste Diskussion \u00fcber Schimpfw\u00f6rter und Rassismus f\u00fchren. Das ist zwei Jahre her, damals wurden Disziplinarma\u00dfnahmen gegen sie eingeleitet. Und vor kurzem wurde sie \u2013 was sich bisher kaum herumgesprochen hat \u2013 ohne Angabe von Gr\u00fcnden entlassen. Niemand hat gesagt, dass ihre Entlassung mit dem Vorfall in Zusammenhang steht, aber ich kann es mir kaum anders vorstellen&#8230;<strong>Nico<\/strong>: Das wusste ich nicht. Dabei haben wir von FIRE uns damals in den Fall eingeschaltet.<strong>John<\/strong>: Mit Erfolg \u2026<strong>Nico<\/strong>: Richtig. Wir wollten die Sache zusammen mit Laurie richtigstellen. Wir haben sie dabei unterst\u00fctzt, ihre Geschichte exklusiv an \u00bbInside Higher Ed\u00ab zu vermitteln, ein Online-Magazin mit gro\u00dfer Reichweite, und bevor ein Artikel h\u00e4tte erscheinen k\u00f6nnten, hat die Universit\u00e4t eingelenkt. Aber ich wusste nicht, dass sie k\u00fcrzlich entlassen wurde. Dar\u00fcber muss ich mit meinen Kolleg*innen sprechen. Wow.<strong>John<\/strong>: Sie hat mir vor zwei Wochen davon erz\u00e4hlt. Das Seltsame an diesem Fall, auch an anderen F\u00e4llen \u00fcbrigens, ist die Tatsache, dass es wei\u00dfe Studierende sind, die sich beschweren. Bei Laurie waren es zwei, glaube ich. Das ist oft so. Oft sind die Wei\u00dfen \u00bbwoker\u00ab als die Schwarzen, f\u00fcr die sie angeblich einstehen. Es ist schwer zu begreifen, aber damit es zu F\u00e4lle wie dem mit dem unkenntlich gemachten N-Wort in der juristischen Fallstudie kommen kann, braucht es eine bestimmte Art von \u00bbMut\u00ab, und das ich sage das nur sehr ungern \u00fcber Leute, die in ihrer eigenen Perspektive befangen sind, wie Fische, die nicht wissen, dass sie nass sind. Ohne einen bestimmten Typus Schwarzer Menschen \u2013 und ja, diese Leute sind viel j\u00fcnger als ich \u2013 g\u00e4be es diese F\u00e4lle nicht.Eine der Studierenden, die gegen den Jura-Professor vorgegangen sind, hat gesagt, sie habe Herzrasen bekommen, als sie das bis auf den Anfangsbuchstaben unkenntlich gemachte N-Wort gelesen hat. Und soll ich dir etwas sagen? Das hat sie nicht. Oder sie hat sich das Herzrasen eingebildet, weil sie Teil von etwas Gr\u00f6\u00dfere sein wollte. Man muss doch zu dieser vermutlich hochintelligenten jungen Schwarzen Frau sagen: \u00bbNein, tut uns leid, wir werden wegen ausgedachten und v\u00f6llig unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Empfindlichkeiten nicht unsere Unterrichtsmethoden \u00e4ndern.\u00ab Aber wie soll man das als wei\u00dfer Anzugtr\u00e4ger aus der Hochschulverwaltung sagen, wenn man Angst davor haben muss, wie so etwas in den sozialen Medien ankommt. Aber ja, solche F\u00e4lle gibt es.Schwarze Studierende an einer Business School der University of California haben vor einer Weile behauptet, sie h\u00e4tten sich dadurch verletzt gef\u00fchlt, dass w\u00e4hrend des Unterrichts von einem Mandarin-Wort die Rede war, \u00bbnaga\u00ab. Das ist wohl ein Wort, das im Zusammenhang mit Hedgegesch\u00e4ften benutzt wird. Das Wort hat \u00c4hnlichkeit mit dem N-Wort, und das hat sie aufgebracht. Solche Sachen passieren tats\u00e4chlich. Ab einem gewissen Punkt muss man zu diesen jungen schwarzen Leuten doch sagen: \u00bbDas geht so nicht!\u00ab Aber daf\u00fcr sind Universit\u00e4ten nicht wirklich gemacht. Und trotzdem, wir m\u00fcssen wir damit anfangen, M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume zu \u00f6ffnen, in denen so etwas gesagt werden darf. Es gibt n\u00e4mlich Situationen, in denen es respektlos ist, den Studierenden genau das zu geben, wonach sie verlangen. Man muss sie doch wie Erwachsene behandeln!Au\u00dferdem liegen in diesen F\u00e4llen die Dinge doch auf der Hand, und diese Schwarzen Studierenden werden das auch verstehen, wenn sie zehn Jahre \u00e4lter sind. Das ber\u00fchrt eine schwierige Frage: Ist es m\u00f6glich, in Zeiten wie diesen junge Schwarze Menschen mit der Wahrheit zu konfrontieren? Junge schwarze Menschen, die diesen historischen Moment als Rechtfertigung daf\u00fcr begreifen, unkonstruktive, sogar unbegr\u00fcndete Dinge zu tun?<strong>Nico<\/strong>: Ich wollte dich das eigentlich erst sp\u00e4ter fragen, aber vielleicht ziehe ich die Frage einfach vor, wo wir gerade schon dabei sind. Es handelt sich um eine grunds\u00e4tzliche Frage, die ich dir als Sprachwissenschaftler und Autor des Buchs \u00bbNine Nasty Words\u00ab, das demn\u00e4chst erscheint, stellen m\u00f6chte. Ich muss ein bisschen ausholen: Je st\u00e4rker man W\u00f6rter zensiert \u2013 jedenfalls ist das mein Eindruck \u2013 umso m\u00e4chtiger und gef\u00e4hrlicher werden sie. Der Comedian Lenny Bruce hat in den 60er Jahren in einer seiner Nummern eine ganze Reihe von Fl\u00fcchen und Schimpfw\u00f6rtern aufgez\u00e4hlt, um sie \u2013 so nannte er das \u2013 \u00bbunsch\u00e4dlich\u00ab zu machen. \u00bbIndem man diese W\u00f6rter ausspricht, macht man sie unsch\u00e4dlich. Wenn man sie zensiert oder aus der Gesellschaft verbannen will, gewinnen sie an Macht.\u00abIch habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend verroht ist. Fl\u00fcche und Schimpfw\u00f6rter sind allgegenw\u00e4rtig, haben in gewisser Weise aber ihre Macht verloren, mit einer bemerkenswerten Ausnahme nat\u00fcrlich, \u00fcber die wir gerade gesprochen haben. Wie ist das sprachwissenschaftlich zu bewerten? Meinem Eindruck nach sind heutzutage eher Meinungen verboten. In gewissen Kontexten waren bestimmte Meinungen schon immer verboten. Aber wenn man sich die Entwicklung ansieht, dann f\u00e4llt auf, dass es immer mehr tabuisierte Meinungen gibt, nicht aber tabuisierte W\u00f6rter.<strong>John<\/strong>: Das sehe ich auch so. Man k\u00f6nnte das Ganze noch ein bisschen enger fassen. Als obsz\u00f6n oder verwerflich werden nicht mehr solche Ausdr\u00fccke angesehen, die religi\u00f6s oder k\u00f6rperlich konnotiert sind, sondern bestimmte Beleidigungen. \u00bb<em>Damn<\/em>\u00ab oder \u00bb<em>hell<\/em>\u00ab zu sagen galt fr\u00fcher als unerh\u00f6rt. Dann galt es als unerh\u00f6rt, \u00bb<em>shit<\/em>\u00ab und \u00bb<em>fuck<\/em>\u00ab zu sagen. Und heute sind es W\u00f6rter, mit denen bestimmte Gruppen von Menschen beleidigt werden, die genau die gleiche Ablehnung hervorrufen und als genauso unerh\u00f6rt angesehen werden. Aber nicht, dass man mich missversteht: Einerseits denke ich zwar, dass wir es mit der Tabuisierung des N-Worts \u00fcbertreiben.Andererseits h\u00e4tte ich ein Problem damit, wenn meine Kinder \u2013 die beiden sind sechs und neun \u2013 das Wort benutzen, allerdings so wie, sagen wir, Rob und Laura Petrie in der \u00bbThe Dick Van Dyke Show\u00ab aus den fr\u00fchen 60er Jahren, als ihr Sohn Ritchie \u00bbfuck\u00ab sagt, was in dem Kontext der Szene nur indirekt deutlich wird, weil man damals im Fernsehen nicht die leiseste direkte Andeutung machen durfte. Das Verbot, bestimmte Meinungen zu haben, manifestiert sich linguistisch darin, dass man bestimmte Beleidigungen nicht mehr aussprechen darf. F\u00fcr sich allein genommen, ist das eine gute Sache.Besorgniserregend ist nur \u2013 um es stark vereinfacht auszudr\u00fccken \u2013 die demonstrative Zurschaustellung moralischer Unfehlbarkeit auf der wei\u00dfen Seite und auf der schwarzen Seite \u2013 um es noch einmal stark vereinfacht auszudr\u00fccken \u2013 das Streben nach Gruppenzugeh\u00f6rigkeit, indem man sich unaufh\u00f6rlich zum Opfer erkl\u00e4rt. So kommt es, dass wir mit Blick auf das N-Wort viel empfindlicher geworden sind als n\u00f6tig. Inzwischen haben einen Punkt erreicht, wo wei\u00dfe Studierende versuchen, ihre Professoren daf\u00fcr abzustrafen, dass sie das Wort \u00bbNegro\u00ab benutzen, aus der Vorstellung heraus, es handele sich dabei um eine Beleidigung, obwohl es doch f\u00fcr die meisten von uns um einen etwas seltsamen \u00bbArchaismus\u00ab handelt. Das alles kennt \u00fcberhaupt keine Grenzen mehr. In \u00bbNine Nasty Words\u00ab kommt allerdings nicht so sehr mein gesellschaftskritisches Ich zum Tragen, sondern mein gutgelauntes Linguisten-Ich.Und deswegen geht es in dem Buch nicht so sehr um die Dinge, die wir hier gerade besprechen. Aber ja, ich schreibe \u00fcber das N-Wort und das schwulen M\u00e4nnern vorbehaltene F-Wort und das C-Wort mit den vier Buchstaben \u2013 das sind im Wesentlichen die Begriffe, an denen wir gesellschaftlich noch massiv Ansto\u00df nehmen. Kurz und knapp gesagt: Schei\u00df auf \u00bbfuck\u00ab. (<em>lacht<\/em>)<strong>Nico<\/strong>: In den F\u00e4llen, die du angesprochen hast, sind die Studierenden die treibende Kraft hinter dem, was Verantwortliche an Colleges und Universit\u00e4ten an Ma\u00dfnahmen in die Wege leiten. Aber spiegelt das die Verh\u00e4ltnisse tats\u00e4chlich wider? Sind es wirklich vor allem die Studierenden oder ist die Lage komplizierter? Passieren solche Dinge auch innerhalb der Fakult\u00e4tskollegien? Oder innerhalb der F\u00fchrungsebene, in den Dekanaten und Rektoraten? Wie l\u00e4sst sich die Dynamik der Ereignisse beschreiben? Was kann man dagegen tun? An wen sollte man sich wenden?<strong>John<\/strong>: Ja, teilweise gehen solche Vorf\u00e4lle nat\u00fcrlich auf Studierende zur\u00fcck. Teilweise sind es aber auch Vertreter gewisser \u00bbLager\u00ab innerhalb der Fakult\u00e4ten, die etwa einen offenen Brief wie den in Princeton hervorbringen, der einem Manifest \u00e4hnelt und von vielen Lehrenden und Angestellten unterschrieben wurde. Das war kein offener Brief von Studierenden. Und weil vermutlich die Mehrheit der Leute an den Universit\u00e4ten Angst davor hat, sich zu positionieren, passieren solche Dinge unwidersprochen. Allerdings hat Conor Friedersdorf in einem Artikel in \u00bb<a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2020\/08\/what-princeton-professors-really-think-about-defining-racism\/614911\/\">The Atlantic\u00ab<\/a>\u00a0gezeigt, dass viele der Unterzeichner*innen nicht alle in dem offenen Brief angesprochenen Punkte unterst\u00fctzt haben. Und au\u00dferdem bin ich mir sicher, dass sich viele nur deshalb daran beteiligt haben, weil sie schlicht nicht diejenigen sein wollten, die sich\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0daran beteiligt haben.Wir f\u00fchren dieses Gespr\u00e4ch allerdings zu einem besonderen Zeitpunkt, denn wir sind pandemiebedingt kaum auf dem Campus. Ich arbeite gr\u00f6\u00dftenteils von zu Hause. Ich bin vielleicht einmal pro Woche im B\u00fcro und mache die T\u00fcr hinter mir zu. Das hei\u00dft, ich beteilige mich zurzeit nicht wie sonst am Uni-Leben. Deswegen kann ich die Dynamik zurzeit schwer einsch\u00e4tzen, weil ich nicht oft genug mit Studierenden oder Kolleg*innen spreche. Aber wir sehen ja alle die Nachrichten, und nat\u00fcrlich sind die Proteste, an denen sich die Studierenden beteiligen, eine treibende Kraft hinter alldem. Aber, wie gesagt, es gibt auch Fakult\u00e4tsmitglieder und andere Hochschulangestellte, die sich den Beschwerden der Studierenden bereitwillig anschlie\u00dfen oder sogar noch weitergehen und behaupten, Hochschulen seien rassistische Institutionen, was nat\u00fcrlich in den allermeisten F\u00e4llen nicht der Fall ist, Hochschulen vermutlich geh\u00f6ren zu den am wenigsten rassistischen Institutionen der Menschheit.<strong>Nico<\/strong>: Ich frage mich, ob es sich bei den Studierenden und den Fakult\u00e4tsmitgliedern, die an solchen Vorf\u00e4llen beteiligt sind, um eine Minderheit handelt \u2013 und ich meine Minderheit hier im numerischen und nicht im demografischen Sinn. Die Soziologie lehrt uns, dass Minderheiten in bestimmten Kontexten einen au\u00dferordentlich gro\u00dfen Einfluss haben k\u00f6nnen. Die meisten Leute beteiligen sich gar nicht an diesen Debatten, sie machen einfach nur mit. Auch Fakult\u00e4tsmitglieder, in Princeton etwa, machen sich Sorgen um ihre Laufbahn und ihre Familie und ihre Hypotheken. Man schreibt solche Aufrufe also auch, um sich zu sch\u00fctzen. Vor allem auch, weil diese Minderheit \u2013 und noch einmal: ich meine Minderheit hier im numerischen und nicht im demografischen Sinn \u2013 eine drastische Sprache spricht und unter Umst\u00e4nden Vorw\u00fcrfe zu erheben bereit ist, die die Betroffenen zu Auss\u00e4tzigen macht.Rassismus- oder Sexismusvorw\u00fcrfe kommen einem sozialen Ausschluss gleich. Also setzt man alles daran, damit es gar nicht erst dazu kommt. Man versucht also, sich zu beweisen, auf dem Feld der Critical Race Theory etwa, und so verselbstst\u00e4ndigt sich das Ganze dann. Und es gibt auch Studien, die das best\u00e4tigen. Wir haben auch eine dieser Studien durchgef\u00fchrt, die gr\u00f6\u00dfte ihrer Art, unter College-Studierenden, es geht darin um Fragen der Rede- und \u00f6konomischen Freiheit. Und es hat sich gezeigt, dass ein kleiner Teil der Studierenden den Gro\u00dfteil der Debatte bestimmt.<strong>John<\/strong>: Das stimmt. Diesen Eindruck hatte ich schon immer, an der Columbia University und auch schon fr\u00fcher in Berkeley. Es handelt sich definitiv um eine zahlenm\u00e4\u00dfige Minderheit, die durch ihre besonders lautstark artikulierten und durch Critical Race Theory beeinflussten politischen \u00dcberzeugungen auff\u00e4llt. Und weil diese Leute nicht lange fackeln und dich attackieren, haben die meisten Leute vor ihnen eine Heidenangst. Ich habe Seminare erlebt, die entweder nicht in Gang kamen oder v\u00f6llig verzerrt wurden \u2013 durch ein, zwei Studierende, die in den ersten zwei Diskussionen ihre Ansichten zum Besten gegeben haben, und dann haben alle anderen gespurt, manchmal mit Ausnahme eines einzigen Studierenden, meist waren es M\u00e4nner.Manche Studierende machen in so einem Umfeld nie den Mund auf. Die meisten achten darauf, nichts zu sagen, was den \u00c4rger dieser ein, zwei Studierenden erregen k\u00f6nnte, und machen stattdessen deutlich, dass sie ihre \u00bbWokeness-Theorie\u00ab intus haben. Das hei\u00dft, die Diskussionen werden verzerrt und die Grenzen dessen, wor\u00fcber sprechen kann, werden verschoben. Und dabei wollen wir ja noch nicht einmal \u00fcber unerh\u00f6rte Dinge diskutieren. In einem meiner Kurse ist es mir aus genau diesem Grund nicht gelungen, das Gespr\u00e4ch in Gang zu bringen, das war der einzige Kurs, in dem einfach nichts funktionieren wollte. Das war 2014, zu einer Zeit also, als ich nach all den Jahren endlich das Gef\u00fchl hatte, den Dreh raus zu haben. Aber es hat nichts funktioniert, nichts aus meiner Trickkiste hat geholfen. Es ist einfach kein Gespr\u00e4ch zustande gekommen.Einmal musste ich f\u00fcnfzehn Minuten fr\u00fcher Schluss machen, weil wegen ein oder zwei Leuten nichts ging. Das war ein Kurs, mit dem ich das ganze Jahr zubringen musste. Solche Dinge passieren, keine Frage. Diese Leute glauben, sie k\u00f6nnten die Welt von der Wahrheit \u00fcberzeugen, dabei \u00fcben sie eigentlich eine Art Schreckensherrschaft aus. Aber das sehen sie nat\u00fcrlich anders. Eine wesentlicher Punkt ihrer Weltsicht besteht in der \u00dcberzeugung, dass sie diejenigen sind, die diejenigen, die an der Macht sind, mit der Wahrheit konfrontieren. Sie sind die Machtlosen und treten den M\u00e4chtigen gegen\u00fcber f\u00fcr ihre Sache ein.Aber sie verstehen nicht, dass sie inzwischen diejenigen sind, die in vielen Kreisen alle Macht auf sich konzentriert haben und dass sie ihre Macht nicht aus\u00fcben, indem sie \u00dcberzeugungsarbeit leisten, sondern indem sie daf\u00fcr sorgen, dass sich alle in die Hose machen. Das ist ein gro\u00dfes Problem f\u00fcr die Debatte im Moment.<strong>Nico<\/strong>: Allerdings sind es unter Umst\u00e4nden auch Minderheiten \u2013 in diesem Fall meine ich tats\u00e4chlich demographische Minderheiten \u2013 die sich gegen diesen Trend stellen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Vorfall am Reed College, in Oregon. Eine Gruppe von Studierenden hat dort ein f\u00fcr alle verpflichtendes Seminar \u2013 eine Einf\u00fchrungsseminar in die kanonischen Texten der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte \u2013 gewisserma\u00dfen \u00bbbesetzt\u00ab, um zu erreichen, dass der Kurs weniger eurozentrisch gestaltet wird. Das sah dann so aus, dass sich die Studierenden mit Schildern in der Hand vor der Lehrkraft aufgereiht haben, bis der \u00bbUnterricht\u00ab zu Ende war. Monatelang ging das so, \u00fcber mehrere Semester. Und dann hat sich eine Gruppe vornehmlich asiatischer Studierender zu Wort gemeldet und gesagt, dass sie an der Schule sind, um zu lernen, und dass sie auch lernen wollen und dass dieser Protest ihrem Studium im Weg steht. Der Protest flaute dann allm\u00e4hlich ab, teils wegen dieser Beschwerde, teils aber auch deshalb, weil die Universit\u00e4t klein beigegeben und den Lehrplan f\u00fcr diesen Kurs ge\u00e4ndert hat. Aber ja, es gibt Situationen, in denen widersprochen wird, vor allem in Zusammenh\u00e4ngen, in dem es vor dem Hintergrund der Critical Race Theory hei\u00dft, bestimmte Leute d\u00fcrften zu irgendetwas keine Meinung haben, weil sie nicht der richtigen Bev\u00f6lkerungsgruppe angeh\u00f6ren. Du hast einen Artikel geschrieben, in dem du das Ph\u00e4nomen als \u00bbneuen Maoismus\u00ab bezeichnest.\u00a0 \u00a0Welche Parallelen w\u00fcrdest du zum Maoismus ziehen? Wenn wir in der amerikanischen Gesellschaft mit Formen des Autoritarismus konfrontiert sind, dann ziehen wir meist Faschismus- oder Nationalsozialismusvergleiche heran. Was den Maoismus angeht, fehlt das Hintergrundwissen, um zu verstehen, welche Formen der Autorit\u00e4t damit verbunden sein k\u00f6nnten. Worin bestehen deiner Ansicht nach die \u00c4hnlichkeiten?<strong>John<\/strong>: Wenn man an die Kulturrevolution denkt, dann denkt man etwa daran, dass jede Form von Meinungs\u00e4u\u00dferung massiv kontrolliert wurde. Man brachte Menschen dazu, in der \u00d6ffentlichkeit Dinge zu sagen, die ihrer \u00dcberzeugung widersprachen, oder man hielt sie eben davon ab, Dinge in der \u00d6ffentlichkeit sagten, von denen sie \u00fcberzeugt waren. Dieses Gef\u00fchl, dass einem st\u00e4ndig jemand eine Waffe an die Schl\u00e4fe h\u00e4lt. Was sich im Zusammenhang mit der Critical Race Theory abspielt, ist damit vergleichbar. Und dann kann man immer wieder diese Artikel lesen, in denen gefragt wird, ob man den Kontakt zu seinem Vater, Onkel oder Kind abbrechen sollte, wenn sie sich nicht am linken Rand verorten und nicht die richtigen \u00bbwoken\u00ab Ansichten haben.Und ja, nat\u00fcrlich, das ist nur eine Fragestellung. Aber man f\u00fchlt sich schon an die Kulturrevolution erinnert, wo die Menschen mit ihren Familien und Freunden brechen sollten, wo man seine Familie und seine Freunde verraten sollten, wenn sie ideologisch nicht auf Parteilinie waren. Ich will keinesfalls sagen, dass Critical Race Theory Menschen t\u00f6tet. Aber in moralischer Hinsicht sind das Gruppendenken \u2013 das unerbittliche, bedrohliche Gruppendenken, um das es hier geht \u2013 und die radikalen Vorstellungen davon, was uns zu respektablen Menschen macht, mit dem Maoismus vergleichbar. Und ist es nicht interessant? Hitler, okay. Von Hitler haben wir eine Vorstellung. Wir haben Filme gesehen, in denen Hitler von Schauspielern dargestellt wird. Es ist schon kleines Kunstst\u00fcck, keinen Film gesehen zu haben, in dem Hitler vorkommt. Wir haben eine Vorstellung davon, was da schiefgegangen ist. Aber f\u00fcr die Kulturrevolution fehlt uns ein intuitives Verst\u00e4ndnis.<strong>Nico<\/strong>: Mir f\u00e4llt kein einziger Film ein.<strong>John<\/strong>: Weil es keinen gibt, es gibt keinen. Wenn jemand Mao gespielt hat, dann in einem chinesischen Film, und wir wissen nichts davon. Das hei\u00dft, ja, die Referenz ist ein wenig obskur, und die Leute begreifen nicht, wie \u00e4hnlich die Verh\u00e4ltnisse sind. Aber als ich letzten Sommer diese ganzen Zuschriften bekam, musste ich mir immer wieder vorstellen, dass bedauernswerte Chinesen ihren Verwandten in \u00dcbersee schreiben. Genauso klingen diese Berichte n\u00e4mlich, nur dass da eben eine Philosophie-Professorin schreibt, die an einer kleinen Universit\u00e4t im Mittleren Westen unterrichtet. Die Angst, die L\u00fcgen, es ist widerlich; und es unterscheidet sich noch einmal deutlich von den sogenannten \u00bbtenured radicals\u00ab, diesen \u00bbradikalen Professor*innen\u00ab, die in den 80er- und 90er angeblich eine Gefahr dargestellt haben. Deren Pr\u00e4senz wurden von den Rechtskonservativen zur Krise hochgeputscht damals. In den 2010er Jahren haben sich die Verh\u00e4ltnisse dann allerdings wirklich versch\u00e4rft.<strong>Nico<\/strong>: Von da spielen sich diese \u00bbKampf- und Kritiksitzungen\u00ab ab, wenn man sich etwa \u2013<strong>John<\/strong>: [<em>unverst\u00e4ndlich<\/em>] [00:26:42]<strong>Nico<\/strong>: \u2013 an Nicholas Christakis erinnert, 2015 in Yale. Eine Gruppe von Studierenden stand damals um ihn herum und hat ihn angeschrien. Bei Bret Weinstein war es genauso, an der Evergreen State \u2013<strong>John<\/strong>: Kannst du dir vorstellen, dass man solche Situationen sogar herbeizuf\u00fchren versucht? Ich kenne jemanden an der Boston University. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie beim Namen genannt werden m\u00f6chte. Jedenfalls hat diese Person keinen Fehler begangen, im Gegenteil, sie hat sogar alles richtig gemacht, und trotzdem wurde diese Person von Leuten mit ernsten Gesichtern aufgefordert, sich an etwas zu beteiligen, das nat\u00fcrlich nicht als \u00bbKampf- und Kritiksitzung\u00ab bezeichnet wurde, aber genau darauf hinausgelaufen w\u00e4re. Alarmierend, sehr alarmierend sogar.<strong>Nico<\/strong>: Ich habe von vielen Leuten hinter den Kulissen der Boston University geh\u00f6rt, dass die Kultur dort immer \u2013<strong>John<\/strong>: [<em>unverst\u00e4ndlich<\/em>]<strong>Nico<\/strong>: \u2013 konformistischer und bedr\u00fcckender wird. Das hei\u00dft, dort ist irgendetwas im Gange. Ich habe letzten Sommer davon geh\u00f6rt, im Zusammenhang mit der \u00bbCancel Culture\u00ab-Debatte. Ich w\u00fcrde \u00fcbrigens gern wissen, was du jetzt, ein halbes Jahr danach, von dieser Debatte h\u00e4ltst. Bist du noch immer so besorgt wie letzten Sommer? Und was ist Cancel Culture deiner Ansicht nach eigentlich? Die Leute verstehen die verschiedensten Dinge darunter.<strong>John<\/strong>: Die Bedeutung von Cancel Culture, das Konzept als solches, ver\u00e4ndert sich vor allem durch die sozialen Medien derart schnell, dass es manchmal schwer ist, Schritt zu halten. Die Ausgangsbedeutung hat ihren Ursprung in der Unterhaltungsindustrie. Man zieht die kulturellen Erzeugnisse einer Person zur\u00fcck und bestraft sie gewisserma\u00dfen mit dem Verschwinden. Bill Cosby ist ein klassisches Beispiel daf\u00fcr. Oder der Comedian Louis C. K., der f\u00fcr eine Weile untertauchen musste und zum Teil noch immer untergetaucht ist.Analog w\u00fcrde man wohl davon ausgehen, dass es darum geht, jemanden von seinem Arbeitsplatz oder aus den sozialen Medien zu verdr\u00e4ngen und auf diese Weise zum Verschwinden zu bringen. Letzten Sommer fing die radikale Linke damit an, darauf zu bestehen, dass es nicht darum geht, irgendwen zu \u00bbcanceln\u00ab, sondern einer Person ihren guten Ruf abzuerkennen, sie \u00f6ffentlich zu dem\u00fctigen, etwas zu tun, um sie zu bestrafen. Die Idee dahinter ist: \u00bbNein, wir wollen diese Person nicht canceln, aber alle sollen damit einverstanden sein, wenn wir sie in Ketten legen und auspeitschen.\u00ab Die meisten dieser Leute sind tats\u00e4chlich der Ansicht, dass genau das passieren muss.Das ist, meiner Ansicht nach, Cancel Culture. Wenn wir einen Vorgang als \u00bbCancelling\u00ab bezeichnen, hei\u00dft es immer: \u00bbWir wollen doch niemanden canceln.\u00ab Wie dem auch sei, eines ist klar, es geht dabei immer darum, dass jemand nicht einfach nur kritisiert werden soll. Kritik ist sch\u00f6n und gut, manchmal f\u00e4llt Kritik auch schmutzig und feindselig aus, aber das reicht hier nicht. Die betreffende Person soll richtig bestraft werden, das ist die Idee dahinter. Und das ist beunruhigend, und das Beunruhigende daran wird von der Tatsache verschleiert werden, dass der Begriff immer komplexer wird, so wie \u00bbracial preferences\u00ab oder systematischer Rassismus, wo die einzelnen Begriffe pl\u00f6tzlich etwas anderes bedeuten, wenn man sie miteinander verbindet. Es geht nicht mehr um \u00bbcancellation\u00ab. Es geht im Wesentlichen darum, jemand \u00f6ffentlich zu attackieren und zu finden, dass das angemessen ist.<strong>Nico<\/strong>: Und es geht darum, den Betroffenen keine Gelegenheit daf\u00fcr zu geben, sich zu rehabilitieren.<strong>John<\/strong>: Richtig.<strong>Nico<\/strong>: Wenn ich mir das vorstelle, w\u00fcrde ich fast lieber ins Gef\u00e4ngnis gehen als mir meine Karriere und mein Leben ruinieren zu lassen, ohne die Aussicht auf Wiedergutmachung und Rehabilitierung. Viele der Leute, die gecancelt werden, entschuldigen sich. Und einige dieser Entschuldigungen sind aufrichtig gemeint. Wir wissen aus der Soziologie, dass Entschuldigungen versch\u00e4rfte Reaktionen hervorrufen k\u00f6nnen, das Gegen\u00fcber wird dann noch w\u00fctender. Derjenige, der sich entschuldigt, erscheint dann gewisserma\u00dfen als Hexe, die noch mehr Strafe verdient hat. Du hast in der Vergangenheit dar\u00fcber geschrieben und gesprochen, dass dieser neue Maoismus, den du da zu erkennen glaubst, etwas Religi\u00f6ses an sich hat. Es handelt sich dabei um eine Form der Religiosit\u00e4t \u2013 dar\u00fcber hast du auch geschrieben, glaube ich \u2013 ohne das wichtige Element der Bu\u00dfe, ohne die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung, die M\u00f6glichkeit, das sprichw\u00f6rtliche Licht zu sehen, wie es im Englischen hei\u00dft, etwas zu erkennen also und sich so zu ver\u00e4ndern, zum Besseren. Man kann nicht wollen, dass Menschen in eine solche Religion gemobbt werden. Unsere Gesellschaft wird dadurch nur rabiater.<strong>John<\/strong>: Diejenigen, die daran glauben, w\u00fcrden sagen: \u00bbAber wir wissen doch, was gut und richtig ist, und bis wir die Welt von allem \u00dcbel befreit und zu einem gl\u00fccklichen Ort gemacht haben, m\u00fcssen eben ein paar h\u00e4ssliche Dinge passieren.\u00ab Davon sind diese Leute tats\u00e4chlich \u00fcberzeugt. Es gibt eben verschiedene Formen von Religion, und vielleicht ist es auch in Ordnung, wenn eine Religion keinen Gott hat, au\u00dfer\u2026 Ta-Nehisi Coates ist Gott. Wobei ich mir Coates eher als Jesus vorstelle. Diese Religion hat keinen Gott und kennt keine Vergebung, aber es gibt viele Religionen, denen bestimmte Elemente fehlen. Und ja, das Problem ist, dass es in diesen F\u00e4llen nichts bringt, sich zu entschuldigen.Wenn jemand um Entschuldigung bittet, wird nach Anzeichen daf\u00fcr gesucht, dass die Entschuldigung geheuchelt oder irgendwie unvollst\u00e4ndig ist. Entschuldigungen sind grunds\u00e4tzlich wirkungslos. Noch einmal zur\u00fcck zu dem bemitleidenswerten Professor, der von seiner Universit\u00e4t \u00bbexkommuniziert\u00ab wurde, weil er zwei unkenntlich W\u00f6rter in seiner Pr\u00fcfung benutzt hat, das N-Wort und ein Frauen vorbehaltenes Schimpfwort: Dieser Professor hat sich aufrichtig entschuldigt, aber es hat nichts ge\u00e4ndert. Und diese Leute, die glauben, sie h\u00e4tten \u00bbden einzig richtigen Weg\u00ab gefunden, so wie die Mormonen und die Fr\u00fchchristen, finden das angemessen.Das ist auch einer der Gr\u00fcnde, weswegen ich glaube, dass wir mit den Menschen, die so etwas glauben, koexistieren m\u00fcssen. Sie werden nicht einfach wieder verschwinden, und sie sind nicht ansprechbar. Sie glauben, sie h\u00e4tten die Antwort auf alles. Wenn Menschen glauben, sie h\u00e4tten auf alles eine Antwort, wird es auch solche unter ihnen geben, die finden, dass es, wenn man Gutes erreichen will, dazugeh\u00f6rt, andere Menschen zu verletzen, sie mit F\u00fc\u00dfen zu treten und von ihren Posten zu vertreiben. Das ist unvermeidbar. Das war in der Menschheitsgeschichte immer wieder so. Die Frage ist nur: Wie gehen wir damit um, dass diese Menschen so viel Macht \u00fcber unsere Gesellschaft haben? Ver\u00e4ndern werden sie sich nicht. Was also k\u00f6nnen wir tun, damit sie nicht weiter den gesellschaftlichen Kurs bestimmen?<strong>Nico<\/strong>: Es ist interessant, dass wir dieses Ph\u00e4nomen zu einem Zeitpunkt beobachten, wo sich ein Trend zu Reformen im Strafrecht abzeichnet. Wer gegen Gesetze versto\u00dfen und gesellschaftliches Unrecht begangen hat, soll weniger hart bestraft werden; und wir reden hier auch \u00fcber Menschen, die gewaltt\u00e4tig gewesen sind. Im Moment sprechen wir allerdings \u00fcber W\u00f6rter, die, so wird nat\u00fcrlich argumentiert, auch Gewalt darstellen k\u00f6nnen. Es gibt also einerseits dieses Trend zur Strafrechtsreform, und andererseits scheint es so auszusehen, als w\u00fcrden Vergebung und Wiedergutmachung aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs und dem Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit verbannt. Das erscheint mir bemerkenswert.Ich h\u00e4tte gern noch etwas mehr Hintergrundinformationen: Haben dich die Themen Redefreiheit und akademische Freiheit schon immer interessiert und\/oder hat sich dieses Interesse durch die Erfahrungen, die du in diesem Bereich gemacht hast, entwickelt?<strong>John<\/strong>: Durch die Erfahrungen. Noch vor zehn Jahren w\u00e4re ich \u00fcberrascht gewesen, wenn du mir gesagt h\u00e4ttest, dass ich bald bekannt sein w\u00fcrde als jemand, der sich mit Redefreiheit besch\u00e4ftigt und gegen Critical Race Theory zu Felde zieht. Von der Theorie hatte ich vor zwanzig Jahren zwar schon geh\u00f6rt, aber das Ganze hat sich dann erst langsam entwickelt. Auch dadurch, dass ich bemerkt habe, wie brillante Studierende quasi verstummen, wegen einer Ideologie, die nicht zur Neugier ermutigt. Und das erschreckt mich. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass ich zwar nicht per se besonders interessiert bin an diesen Themen, aber eben doch sehr von ihnen beeinflusst.Der ein oder andere, der das jetzt h\u00f6rt, denkt vielleicht, dass ich mich mit dem, was ich heute tue, r\u00e4chen will. An Leuten, die 1997 meine Gef\u00fchle verletzt haben oder so. Damals erschien mein erstes Buch, \u00bbTowards a New Model of Creole Genesis\u00ab. Ich wollte zu Beginn meiner akademischen Laufbahn \u00fcber Sprache nachdenken und habe das Resultat ver\u00f6ffentlicht. Ich war jung und naiv und mit den Schlagw\u00f6rtern der Critical Race Theory, die damals bei Weitem nicht so verbreitet war wie heute, noch nicht vertraut. Aber es gab ihre Vertreter bereits. Und weil diese Theorie \u00fcberproportional viele Anh\u00e4nger*innen vor allem in den Geisteswissenschaften hat, gab es sie nat\u00fcrlich auch bei den Linguisten.Und so kam es, dass ich heftig beschimpft wurde, von Leuten, die sich schlicht nicht daf\u00fcr interessierten, was ich zu den Vorw\u00fcrfen zu sagen hatte und die das Ganze seltsam aufbauschten. Wenn ich heute zur\u00fcckblicke, denke ich, das waren \u00bbdie Auserw\u00e4hlten\u00ab. In meinem aktuellen Buch, das demn\u00e4chst erscheint, nenne ich die Anh\u00e4nger der Critical Race Theory \u00bbdie Auserw\u00e4hlten\u00ab. Es gab sie also damals schon. Sie sind der Grund daf\u00fcr, dass ich nicht sagen soll, dass schwarze Kinder aus sozio\u00f6konomischen Gr\u00fcnden Schwierigkeiten in der Schule haben und nicht deshalb, weil Black English vom Standard abweicht. Ihretwegen darf ich nicht sagen, dass dieses Problem nicht linguistisch begr\u00fcndet ist. Stattdessen wird von mir erwartet, dass ich gegen die Machtungleichheit zwischen Schwarz und Wei\u00df ank\u00e4mpfe und aus diesem Grund alles auf\u00a0<em>race<\/em>\u00a0zur\u00fcckf\u00fchre.Heute w\u00fcrde ich mich nicht mehr wundern. Aber damals dachte ich: \u00bbWieso darf ich das nicht sagen? Ich setzte mich doch auch f\u00fcr soziale Gerechtigkeit ein.\u00ab Ich durfte bestimmte Dinge \u00fcber Kreolsprachen nicht mehr sagen, das jamaikanische oder das haitianische Patois etwa. Oder Papiamento. Zum Beispiel durfte ich nicht sagen: \u00bbDiese Sprachen sind entstanden, weil die Sklaven die europ\u00e4ischen Sprachen nicht von Grund auf gelernt hatten und das Wissen, \u00fcber das sie verf\u00fcgten, zu einer v\u00f6llig neuen Sprache verbanden. Toll, oder?\u00ab Das durfte ich deshalb nicht sagen, weil das bedeutet h\u00e4tte, dass die Sklaven die Sprache nicht richtig konnten und dass sie deswegen eine Sprache hervorbrachten, die keine \u00bbrichtige\u00ab Sprache war.Kein Scherz, ich \u00fcbertreibe nicht. Ich durfte nicht sagen, dass Kreolsprachen was Tolles sind und dass es sich um neue Sprachen handelt. Und wenn ich doch so etwas sagte, schleuderte man mir Foucault entgegen und warf mir \u00bbreverse racism\u00ab vor. Heute w\u00fcsste ich, worauf ich mich einlasse. Ich w\u00fcrde mich darauf vorbereiten und trotzdem sagen, was ich denke. Damals, 1999, f\u00fchlte ich mich aber angegriffen. Und heute sehe ich eben nicht nur Studierende und Lehrende, die einen Maulkorb tragen, sondern begreife auch: \u00bbHm, das kam mir ja schon damals in die Quere, als ich noch keine 30 Jahre alt war.\u00ab Und ich wei\u00df ganz sicher, dass die aktuellen Verh\u00e4ltnisse die Forschungsarbeit in vielen Bereichen einschr\u00e4nken, auch in Bereichen, in denen ich aktiv bin, und ich finde, das muss ein Ende haben.Die Critical Race Theory und ihre Vertreter*innen m\u00fcssen mit an den Tisch. Ich will auch nicht sagen, dass diese Theorie nur \u00fcbergeschnappt ist. So jedenfalls habe ich sie anfangs nicht wahrgenommen. Meiner Wahrnehmung wollte diese Theorie einen soziopolitisch- exzentrischen, aber interessanten Blick auf unsere Gesellschaft werfen. Aber dass die Theoriegl\u00e4ubigen am Ruder stehen und allen anderen den Mund verbieten? Nein, das ergibt keinen Sinn, weder intellektuell noch moralisch.<strong>Nico<\/strong>: W\u00fcrdest du sagen, dass es an ideologischer\/politischer Diversit\u00e4t mangelt, was die linguistische Community angeht? Oder handelt es sich hier um eine kleine Minderheit, die das Ganze antreibt, wie vorhin schon kurz angesprochen? Mir f\u00e4llt gerade der Soziologie Jonathan Haidt ein. Haidt war vor vielen Jahren auf einer Konferenz und hatte dort eine Art Aha-Erlebnis, als er w\u00e4hrend eines Vortrags hunderten von Soziolog*innen eine Frage stellte: ob sie von Kolleg*innen w\u00fcssten, die dem politisch konservativen Lager zuzurechnen sind. Eine Handvoll Leute hat sich gemeldet. Und das ist vielleicht ein Teil des Problems. Aber womit hat das zu tun? Mit der Einstellungspraxis vielleicht? Oder damit, wie Menschen sich in Gruppen zusammenfinden? Jedenfalls scheint es innerhalb der Institutionen kaum politischen Dissens zu geben. Aber dieser Dissens ist laut Haidt an Universit\u00e4ten sehr wichtig. Weil es so einen Wettstreit um politische Ideologien geben kann.<strong>John<\/strong>: Das stimmt.<strong>Nico<\/strong>: Cass Sunstein hat viel dar\u00fcber gearbeitet, bei ihm geht es vor allem um die Besetzungen von Richtern. In dem Sinne als ideologisch uniforme Richter-Panel zu h\u00e4rteren Urteilsspr\u00fcchen neigen. Im Unterschied zu Panels beispielsweise, in denen auch nur ein*e einzige*r Richter*in sitzt, die politisch anders ausgerichtet ist.<strong>John<\/strong>: Die Linguistik ist in der akademischen Welt ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Dazu kommt, dass sich Linguisten \u2013 anders als die meisten Leuten verst\u00e4ndlicherweise denken \u2013 nicht mit der Geschichte und Definition von W\u00f6rtern besch\u00e4ftigen. Die meisten dokumentieren weit weg von zuhause kleine Sprachen, die nur von einer kleinen Anzahl von Menschen gesprochen werden, bewahren sie manchmal auch vor dem Aussterben. Linguisten sind also in gewisser Weise auch Anthropologen, und das bedeutet, dass sie sich nicht selten f\u00fcr Menschen interessieren, die unter v\u00f6llig anderen Umst\u00e4nden leben als, sagen wir, eine wei\u00dfe Person, die der Mittelschicht angeh\u00f6rt.All das f\u00fcr sich genommen ist gro\u00dfartig, aber oft geht diese Art von Engagement \u2013 und das scheint mir vor allem f\u00fcr die Anthropologie zuzutreffen \u2013 mit einem linken politischen Selbstverst\u00e4ndnis und mit genau dieser Form von agonistischer Geisteshaltung einher, \u00fcber die wir hier sprechen. Also ja, so etwas findet sich auch in der Linguistik. Ich kenne kaum aktive konservative Sprachwissenschaftler*innen mit republikanischem Parteibuch, die unter 50 sind. Ein paar \u00e4ltere gibt es schon, aber unter 50? Ich m\u00fcsste l\u00fcgen, mir f\u00e4llt keiner ein. Und zurzeit folgt eine junge Generation nach, die besonders entschieden hinter Andersgl\u00e4ubigen her sind. Diese Leute sind eine Minderheit, aber ich wei\u00df aus glaubw\u00fcrdigen Quellen, dass diese Leute einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Einfluss auf ihre Kolleg*innen aus\u00fcben. Das hei\u00dft, in der Linguistik sieht es so aus wie in den anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen auch.<strong>Nico<\/strong>: Was sagst du eigentlich als Sprachwissenschaftler zu der aktuellen Situation? Was ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, wie wir miteinander sprechen oder wie bestimmte W\u00f6rter verwendet und sanktioniert werden? Mir f\u00e4llt \u00bbThe Coddling of the American Mind\u00ab ein, ein Buch von Jonathan Haidt, \u00fcber den wir vorhin gesprochen haben, und meinem Chef Greg Lukianoff. Die beiden haben die Welt bereist, in vielen L\u00e4ndern Gespr\u00e4che gef\u00fchrt und in der Folge festgestellt, dass die Rachsucht und B\u00f6sartigkeit, die wir hierzulande erleben, den englischsprachigen L\u00e4ndern vorbehalten war \u2013 jedenfalls zum Zeitpunkt der Buchver\u00f6ffentlichung, 2018.Gibt es irgendeinen Grund anzunehmen, dass das irgendetwas mit unserer Sprache zu tun hat? Oder ist es einfach nur so, dass sich das Ph\u00e4nomen zun\u00e4chst in den englischsprachigen L\u00e4ndern ausgebreitet hat, weil es dort seinen Anfang genommen hat? Oder funktionieren Kulturen m\u00f6glicherweise unterschiedlich, je nachdem, welche Sprache gesprochen wird?<strong>John<\/strong>: Darauf habe ich keine Antwort, ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte eine. Das w\u00e4re gro\u00dfartig. Ich w\u00fcrde aber sagen, dass sich das Ph\u00e4nomen nach dem Erscheinen des von dir erw\u00e4hnten Buchs \u2013 ein brillantes Buch \u00fcbrigens \u2013 auch in nicht-englischsprachige L\u00e4nder ausgebreitet hat. \u00c4hnliche Dinge wie bei uns spielen sich, wie ich geh\u00f6rt habe, auch in Frankreich, Italien, Deutschland und in irgendeinem der skandinavischen L\u00e4nder ab. Vielleicht h\u00e4lt es sich noch in gewissen Grenzen, aber immerhin. Und nein, ich denke nicht, dass das Ph\u00e4nomen irgendetwas mit Sprache an sich zu tun hat. Man kann in allen Sprachen niedertr\u00e4chtig sein.Ich glaube eher, dass wir es hier mit einem bestimmten Aspekt der englischsprachigen Kultur zu tun haben. Das Ganze hat ja nicht erst gestern angefangen, sondern begleitet uns schon seit den 80er, 90er Jahren und geht auf die dekonstruktivistische Analyse literarischer Texte zur\u00fcck, die dann gewisserma\u00dfen entgleist ist und auch in bestimmten juristischen Vorstellungen ihren Niederschlag gefunden hat. Aber wie dem auch sei, es gibt keine M\u00f6glichkeit, den Leuten klarzumachen, dass wir anders mit Sprache umgehen m\u00fcssen, weil die \u00bbAuserw\u00e4hlten\u00ab schlicht nicht zu erreichen sind. Und nicht alle Linken sind ausnahmslos \u00bbAuserw\u00e4hlte\u00ab. Nicht alle radikalen Linken geh\u00f6ren ausnahmslos dieser Gruppe an. Es handelt sich eben um eine sehr spezifische Untergruppe von Leuten. Keine Sprache der Welt k\u00f6nnte diese Leute erreichen.Diesen Leuten nahezulegen, anders mit Sprache umzugehen, w\u00fcrde einfach nicht funktionieren. Diese Leute sind \u00fcberzeugt davon, dass sie denjenigen, die an den Schaltstellen der Macht sitzen, die Wahrheit entgegenhalten, und dass sie sprechen d\u00fcrfen wie sie wollen. Aber wir brauchen Meinungen. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen untereinander so sprechen, wie wir es f\u00fcr richtig halten, und darauf achtgeben, dass wir nicht in die Situation kommen, in der wir so tun m\u00fcssen, als h\u00e4tten diese Leute die Antwort auf alles gefunden. Also, noch einmal, es geht hier nicht um Sprache an sich. Es geht um Ansichten und Absichten. Und in diesem Sinn sollten wir auch dar\u00fcber nachdenken.<strong>Nico<\/strong>: Hier meine letzte Frage. Du erinnerst dich bestimmt an den demokratischen Abgeordneten Cleaver, der letzte Woche das Er\u00f6ffnungsgebet im Kongress gesprochen hat. Er hat sein Gebet mit den Worten \u00bbamen and awoman\u00ab beschlossen, und danach ging die Debatte los. Die Leute waren w\u00fctend, weil hier ein Abgeordneter in ihren Augen dieselbe \u00bbWokeness-Politik\u00ab betreibt, die hinter vielen Vorf\u00e4llen steht, die wir besprochen haben. Auch Verwandte und Freunde von mir waren aufgebracht deswegen. Es war ein bisschen so, als w\u00e4re eine neue Variante der \u00bbHappy Holidays vs. Merry Christmas\u00ab-Debatte losgebrochen. Du hast dann allerdings getwittert, dass dieser Ausdruck in bestimmten amerikanischen Gemeinden eine lange Tradition hat. Also, noch mal, f\u00fcr unsere Zuh\u00f6rer, die glauben, dass die Welt, in der wir leben, v\u00f6llig \u00fcbergeschnappt ist: Die Dinge liegen hier doch ganz anders?<strong>John<\/strong>: Richtig. Das war ein interessanter Fall, wirklich wahr. Aber ja, \u00bbamen und awoman\u00ab ist ein uralter Witz. Cleaver muss geglaubt haben, dass genug Zuh\u00f6rer*innen damit vertraut sind und dass es keiner Erkl\u00e4rung bedarf. Das war vielleicht ein bisschen ungeschickt. Ich wei\u00df nicht recht, wieso er davon ausgegangen ist. Fakt ist jedenfalls: Viele schwarze und wei\u00dfe Amerikaner sind durchaus vertraut damit. Wenn es tats\u00e4chlich so gewesen w\u00e4re, dass die meisten Leute hierzulande diesen Spruch kennen, dann w\u00e4re das eine sehr kluge und sehr freundliche Geste gewesen, um die Frauen im Kongress und die Zuschauerinnen anzuerkennen. Das war ein kleiner Scherz. Cleaver ist jedenfalls kein \u00bbWokester\u00ab, nicht dass ich w\u00fcsste.<strong>Nico<\/strong>: Ich hoffe, der Witz verf\u00e4ngt, mir gef\u00e4llt er. Aber wahrscheinlich eher nicht. John, das hat gro\u00dfen Spa\u00df gemacht. Ich w\u00fcrde sagen, wir machen hier Schluss. Ich hoffe, wir haben bald wieder die Gelegenheit, miteinander zu sprechen.<em>Unverst\u00e4ndlich.<\/em><strong>John<\/strong>: Das hoffe ich auch. Unbedingt. Danke f\u00fcr die Einladung.<strong>Nico<\/strong>: Das war John McWhorter, Professor an der Columbia University. Seinen Artikel \u00bbAkademiker*innen sind um ihre Freiheit besorgt\u00ab kann man auf der Website von \u00bbThe Atlantic\u00ab nachlesen. Ich bin Nico Perrino, Gastgeber und Produzent dieses Podcasts. Aaron Reese hat diese Ausgabe geschnitten. Wenn Sie mehr \u00fcber \u00bbSo to Speak\u00ab erfahren wollen, folgen Sie uns auf Twitter: twitter.com\/freespeechtalk oder liken Sie uns auf Facebook: facebook.com\/sotospeakpodcast. Feedback bitte an\u00a0<a href=\"mailto:Sotospeak@thefire.org\">Sotospeak@thefire.org<\/a>. Wenn Ihnen diese Ausgabe gefallen hat, schreiben Sie gern eine Bewertung auf Apple Podcasts, Google Play \u2013oder wo auch immer Sie Podcasts h\u00f6ren. Bewertungen unterst\u00fctzen uns dabei, neue Zuh\u00f6rer*innen zu gewinnen. Bis zum n\u00e4chsten Mal, danke f\u00fcrs Zuh\u00f6ren.<em>Aus dem Englischen von Gregor Runge.<\/em>Dieser Text mit dem Original-Titel \u201eSo to Speak podcast transcript: John McWhorter says academics are really, really worried\u201d erschien am 29. Januar 2021 in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.thefire.org\/so-to-speak-podcast-transcript-john-mcwhorter-says-academics-are-really-really-worried\/\">\u201eThe Fire\u201c<\/a>.<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>You can find the web version of the printed journal next to the articles listed here. \u00a9 Christian Kracht \u201eAlles anders, alles gleich\u201c Wie haben Sie als K\u00fcnstler*in die Pandemie erlebt, wie und wo gelebt und gearbeitet? Womit haben Sie sich besch\u00e4ftigt, worin Inspiration gefunden, wo vielleicht Trost? War alles anders, aber jeder Tag gleich? 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