Artistic Research: Olga Bubich

Portrait Olga Bubich
© privat

498 Schrägstriche von Olga Bubich

498 Schrägstriche. Gesichter – ambitioniert und stolz oder, wie Schriftsteller*innen so oft, leicht entrückt – Buchtitel, Gedichtbände, Slams, Lesungen, Festivals, Kindheiten (eine Zeile), geschäftige Universitätsjahre (zwei Zeilen), aufgelistete Erfolge, Preise und Auszeichnungen, Lob und Lorbeeren (bisweilen ganze Absätze gespickt mit Klammern und Jahreszahlen), Schicksale, Tode – verdichtet zu standardisierten Biographien mit einem individuellen, immer gleichen Anfang und einem unumgänglichen universellen Ende.

Leben, in Worte gefasst, Worte zu Sätzen geformt, Sätze wie Perlen zu bedeutungsvollen Erzählungen aufgereiht, in denen jedes Kapitel nahtlos auf das vorige folgt, und die schließlich in eine einzige Zeile in meiner sorgfältig durchnummerierten Excel-Tabelle münden.

In der schier unendlichen Liste der Kreativen, die hier im Laufe von 25 Jahren internationales literaturfestival berlin zusammengeführt wurden, fällt mir ein Zeichen besonders ins Auge – ein unscheinbares, trügerisch geschichtsloses Symbol in Gestalt eines typografischen Elements, eingesetzt um die Herkunftsländer der Schriftsteller*innen aufzulisten. Ein einfacher, leicht geneigter Strich, der sich von unten links nach oben rechts durch die Zeile zieht, wie ein Ast, der angewinkelt aus dem Baum wächst, oder ein Mensch, der mit schwerer Last auf dem Rücken einen Hügel hinaufsteigt. Er markiert die Länder, die Autor*innen hinter sich gelassen haben, um in neue aufzubrechen – oft infolge von Kriegen, Unterdrückung, und anderen unkontrollierbaren, von Hass getriebenen Ereignissen.

Syrien / Deutschland

Afghanistan / Vereinigtes Königreich

Ukraine / USA

Belarus / Polen

Was bedeutet dieser schnelle, scheinbar beiläufige Strich tatsächlich für jene, die ins Exil gezwungen wurden? Der Schrägstrich – oder Solidus – wird in der Schrift, in der Informatik und in der Mathematik häufig verwendet, um Worte, Zahlen und Meinungen voneinander zu trennen, Alternativen aufzuführen, oder Brüche darzustellen. Auf meiner Liste haben diese Schrägstriche jedoch eine ganz andere Bedeutung. Sie stehen für Stacheldraht an Staatsgrenzen, für die Entfernungen, die Autor*innen von ihren Kindheitserinnerungen trennen, von Familiensitzen, zerbombten Städten, ausgelöschten Sprachen, von den Gräbern geliebter Menschen, die nicht überlebt haben und die sie nicht noch einmal in den Armen halten konnten, von Menschen, die bei Drohnenangriffen getötet wurden, von Menschen, die weiterhin rechtswidrige Haftstrafen verbüßen, weil sie offen ihre Meinung äußerten, Mitgefühl zeigten, sich gegen Zäune, Mauern und Stacheldraht stellten. Diese Schrägstriche markieren eine Trennlinie: zwischen damals und heute, zwischen harten, und doch irgendwie lebenswerten Vergangenheiten, und ungewissen Zukünften. Sie markieren den Übergang von Mitbürger*innen zu „ewigen Außenseiter*innen“ – Entscheidungen, die kaum jemand aus freien Stücken trifft.

Der Schrägstrich geht auf das Komma, die Virgula zurück – lateinisch für „kleines Stäbchen“ oder „dünner Zweig“ – eine kleine diagonale Linie, die in mittelalterlichen Manuskripten für eine Pause stand, bevor sich die moderne Zeichensetzung entwickelte. Früher nannte man den Schrägstrich auch virgula suspensiva, wobei das beigefügte Adjektiv sich wörtlich im Sinne von „schwebend“, „hängend“ übersetzen lässt und bedeutete, dass Lesende beim Vortragen eines Verses an dieser Stelle kurz innehalten konnten, um Atem zu holen.

Wie vielen der Autor*innen auf meiner Liste war es vergönnt, beim Übertritt in eine andere, ummauerte Realität einen Augenblick innezuhalten? Wie vielen gelang es, in einer neuen Sprache zu sprechen, zu schreiben und zu träumen, den Zaun ganz zu überwinden, ohne daran hängenzubleiben, von oben die unsichere Landschaft auf beiden Seiten betrachtend, in einem Limbus unartikulierter Nicht-Zugehörigkeit? Sie atmen tief ein, aber nie ganz aus – unfähig, ganz in den Rhythmus einer Welt einzutauchen, die sie sich nicht ausgesucht haben.

Im 15. Jahrhundert, nach der Erfindung des Buchdrucks, erhielt der Schrägstrich eine weitere Bedeutung, die in der heutigen Zeichensetzung bestehen bleibt. In seiner neuen Funktion stand er für „und/oder“ – das Privileg demokratischer Staaten, die (einst) auf der Idee gründeten, dass ihre Bürger*innen sowohl über den Willen als auch das Recht verfügen, zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten zu wählen: Lebenswege, Schulen, Hobbys, Partner*innen, Berufe, politische Führungen. In dem Land, in dem ich geboren wurde, konnten wir als Kinder nicht einmal zwischen verschiedenen Eissorten wählen. Für uns war Eis immer milchig-süß und weiß – eine seltene Festtagsspeise. Um unseren Waffelbecher zu bekommen, warteten wir manchmal mit glühend heißen Köpfen in langen Schlangen unter der sengenden Sonne. Stakanchik (ein Becher) nannten wir ihn – in der Sprache eines sowjetischen Imperiums, das Völkerfreundschaft predigte, allerdings kaum Raum für die öffentliche Nutzung einer anderen Sprache als Russisch ließ – eine Sprache, die meine Großmutter, nach der ich benannt bin, weder sprach noch schrieb. Und auch das passive, gleichgültige Warten war eine Lektion, die uns diese Großmächte gelehrt haben. Mittlerweile beherrschen wir sie gut. 

„Wir warten auf Veränderungen“ – ein Underground-Song, geschrieben von dem Enkel eines Koreaners, der gewaltsam aus Fernost nach Kasachstan deportiert wurde – ist Teil der jüngsten Geschichte meines Landes geworden. Als inoffizielle Hymne der belarussischen Proteste gegen drei Jahrzehnte der Diktatur kehrte das Lied in unsere Hinterhöfe und Straßen zurück. Ich erinnere mich daran, wie die euphorischen Menschenmengen jene Zeilen des jungen sowjetischen Koreaners sangen, die zwar 1986 geschrieben wurden, jetzt aber erstaunlich passend schienen. Wiktor Tsoi starb bei einem tragischen Autounfall. Er erlebte weder den Zusammenbruch der Sowjetunion noch die Veränderungen, nach denen er sich gesehnt hatte. In seiner Biografie für das internationale literaturfestival Berlin stünde wahrscheinlich ein Schrägstrich zwischen seinen geraubten und geliehenen „Mutterländern“: Korea / UdSSR / Russland.

Fünf Jahre sind vergangen seit unserem vergeblichen Versuch, in Belarus Veränderungen herbeizuführen – und wir warten noch immer. Warten auf Veränderungen, darauf, dass Freund*innen und Kolleg*innen aus dem Gefängnis entlassen werden, darauf, dass Frieden in die Ukraine einkehrt, dass wir sicher nach Hause zurückkehren können, dass wir uns an einem Feiertag gemeinsam an einem gedeckten Tisch zusammensetzen können, darauf, die Gräber der Menschen zu besuchen, die gezwungenermaßen mit uns warten. Und manchmal wünsche ich mich zurück in jene Eisschlange neben dem betongrauen Supermarkt meiner Kindheit. Dort ging es wenigstens voran.

Wenn die Wahl zu haben ein Privileg und Bewegung eine Chance ist, dann steht der Schrägstrich für das, was geschieht, wenn uns beides verwehrt bleibt. Er markiert einen Schwebezustand – halb hier, halb anderswo – in dem die Identität sich auf keiner Seite widerspruchsfrei einschreiben lässt. Er unterbricht den Fluss der Biographie, stört die Syntax, bringt die Chronologie zum Stillstand. Die 498 Schrägstriche der Teilnehmer*innen des Literaturfestivals Berlin sind mehr als bloße Interpunktion: Sie lassen sich nicht verallgemeinern und dennoch haben diese Grenzen-, Kultur- und Sprachübergänge einen eigenartig universellen Charakter. Jeder Schrägstrich verlangt nach einer individuellen Betrachtung, und doch spannen die einzelnen Geschichten der Schriftsteller*innen einen zeitlosen Zwischenraum auf, der ihnen allen gemeinsam ist. 498 Stimmen, die gehört werden wollen. Und auch meine gehört jetzt dazu.

Der Schrägstrich – in der Lyrik die Erlaubnis, beim Lesen innezuhalten. Eine Trennlinie, aber auch ein Versprechen, wählen zu dürfen. Versprechen, Erlaubnis, und Geduld, die wir über Jahrzehnte erlernt und in uns genährt haben, während wir auf Veränderung warteten, darauf warteten, verändert zu werden, darauf warteten, Veränderungen herbeizuführen, während wir von der Zukunft träumten, statt sie zu schreiben – hier und jetzt, in einer Sprache, die uns gerade zur Verfügung steht. Wenn ich auf den Schrägstrich zwischen den Ländern schaue, in denen ich gelebt habe, seit ich Belarus vor vier Jahren verließ, dann sehe ich darin lieber ein Gerüst, das ich erklimmen kann. Eine vertikale Brücke zu neuen Bedeutungen – eine Brücke, über die noch niemand zuvor gegangen ist.

Belarus / Georgien / Deutschland

2025

[Übersetzung von Charlotte Thießen und Cornelia Röser für Gegensatz Translation Collective]