Helmut Krausser  [ Deutschland ]

Biographie

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© Hagen Schnauss

Gast des ilb 2009.

Bibliographie

Spielgeld
Kirchheim
München, 1990

Melodien oder Nachträge
zum quecksilbernen
Zeitalter
List
München, 1993

Lederfresse
Fischer
Frankfurt am Main, 2003

Thanatos
Luchterhand
München, 1996

Eros
DuMont
Köln, 2006

Einsamkeit und
Sex und Mitleid
Jumbo Neue Medien
Hamburg, 2009

Helmut Krausser wurde 1964 in Esslingen geboren und wuchs in München auf. Nach dem Abitur arbeitete er u. a. als Nachtwächter, Zeitungswerber und Journalist, lebte ein halbes Jahr auf der Straße und studierte mehrere Semester Archäologie, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Zudem sang er in der Rockband »Genie und Handwerk«. Als Sprecher einer experimentellen Kultursendung im Bayerischen Rundfunk konnte er eigene Texte präsentieren, die später in dem Erzählband »Spielgeld« (1990) veröffentlicht wurden: Porträts antibürgerlicher Bildungsbürger mit pathologischen Zügen, deren Wahn auf die Wirklichkeit übergreift. Zu dieser Spezies gehört auch der Held von Kraussers »Hagen-Trinker-Romantrilogie«, deren letzter Teil, »Fette Welt« (1992), mit Jürgen Vogel verfilmt wurde. Frühe Bekanntheit brachte Krausser auch sein opulentes Werk »Melodien« (1993), die Beschreibung einer fanatischen Suche nach jahrhundertealten Zaubersprüchen in Musikform.

Mit zahlreichen weiteren Romanen und Erzählungen, mit Lyrikbänden, Theater- und Hörstücken sowie einem Tagebuch-Projekt und einem Libretto hat sich Krausser seither einen festen Platz in der deutschen Literatur der Gegenwart erobert. In gewisser Regelmäßigkeit polarisiert er die Feuilletons mit seinen Texten, die sich in die Tradition der deutschen Romantik und kraftvoller Schriftstellerpersönlichkeiten wie Knut Hamsun, Ernst Jünger und Charles Bukowski stellen lassen. Mit wilder Freude mischen sich darin Pathos und Ironie, Klischee und Nuance, Slapstick und Horror, Zartheit und Vulgarität. Feine bis derbe Spiele mit der Sprache sowie Alltagsjargon brechen beständig den glatt polierten Erzählfluss auf. Die vieldeutige, komplexe und oft bildungsgesättigte Handlung ist immer unterhaltsam und spannend. Die Erzählweise nähert sich von Fall zu Fall dem Sujet und Genre an – wobei Liebe, Tod und Wahn die konstanten Themen bilden. Das monumentale »Thanatos« (1996) erzählt von einem sonderbaren Romantikforscher und Fälscher, der nach seiner Entlassung zu Tante und Onkel zieht, deren Sohn ermordet und seine Stelle einzunehmen beginnt. Komplementär dazu schildert »Eros« (2006) eine obsessive Liebe. Fünfzig Jahre lang begleitet ein adliger Industrieller die Frau seines Lebens über eine Armee von Mittelsmännern und bleibt dabei unerkannt im Hintergrund, während sie zur Terroristin wird und später untertaucht. »Lederfresse« (1993), das erste von Kraussers Theaterstücken, zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen deutschen Bühnenwerken. Die Tagebücher »Mai« 1992 bis »April« 2004 widmen sich jeweils einem Monat des Schriftstellerlebens. 2009 veröffentlichte Krausser schließlich »Einsamkeit und Sex und Mitleid«, eine furiose Farce über Paarbeziehungen. Im selben Jahr erschien eine Auswahl aus seinen bislang drei Gedichtbänden unter dem Titel »Auf weißen Wüsten«.

Zu Kraussers Auszeichnungen gehören der Tukan-Preis und der Prix Italia für das beste europäische Hörspiel. Der Autor war Stipendiat der Villa Massimo in Rom und Poetikdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er lebt in Potsdam.

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