Uljana Wolf  [ Deutschland ]

Biographie

Uljana Wolf Portrait
© Timm Kolln

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

kochanie ich habe brot gekauft
Kookbooks
Idstein, 2005

Uljana Wolf wurde 1979 in Berlin geboren. Bereits vor ihrem Studium der Germanistik, Anglistik und Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität trat sie als Lyrikerin in Erscheinung und war u.a. Preisträgerin des 4. Berliner Jugendliteraturwettbewerbs 1995. Sie veröffentlichte zahlreiche Gedichte in Anthologien und Zeitschriften in Deutschland, Polen, Weißrussland und Irland – darunter »Edit«, »Das Gedicht«, »kursywa«, »Poetry Ireland Review« und »Lyrik von Jetzt«. 1997 war sie Teilnehmerin am Deutsch-Polnischen Poetendampfer und 2000 beteiligte sie sich als Stipendiatin der Dubliner Autorenvereinigung DUBCIT am europäischen Kunstprojekt »POETRY 2000« in Irland. Ein Mercator-Berghaus-Stipendium führte sie 2004 für drei Monate ins polnische Krzyzowa. Die Lyrikerin suchte in dieser Zeit den Herkunftsort ihrer Großeltern auf und setzte sich mit den problematischen Berührungspunkten in der deutschen und polnischen Geschichte auseinander. Dabei entstand ein Teil der Gedichte ihres hochgelobten Debütbandes »kochanie ich habe brot gekauft« (2005), der mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde. Wolf reiht sich damit als jüngste Preisträgerin in die Liste bedeutender Lyriker wie Ernst Jandl, Durs Grünbein, Sarah Kirsch, Wolfgang Hilbig und Oskar Pastior ein.

Der polnische Ausdruck »kochanie« bedeutet übersetzt »Liebling«. In den Gedichten erforscht Wolf die Möglichkeiten und Voraussetzungen von Sprache und Kommunikation, sei sie interkultureller, internationaler oder zwischenmenschlicher Art. Das Motiv des Sprechens zieht sich in Ausdrücken wie »Sprache«, »Zunge«, »Übersetzung«, »fragen«, oder »schweigen« durch viele ihrer Gedichte. In Auseinandersetzung mit dem Typus des Vaters gelangt Wolf zu der Einschätzung, »dass die männliche Seite der Gesellschaft mit Geschichte verknüpft« wird und versucht selbst, geschlechtlich codierte Erinnerungs- wie Erzählpraxen als solche sichtbar zu machen, wobei normierendes Sprechen über Geschichte als patriarchalische, benennende Macht markiert wird.

Wolfs Lyrik zeichnet sich durch besondere Knappheit und Dichte aus; die Worte sind inhaltlich, klanglich, geschlechtlich, kulturell codiert und werden zum Ort verschränkter Bedeutungsebenen. In diesem Bewusstsein wagt die Autorin Annäherungen und Erkundungen des Eigenen und des vermeintlich Anderen: »so bildet die fremde / gespräche heraus«, ist dabei einer der zentralen Verse der Sammlung. »Wie sich was / zu hälften fügt / auf einer übersetzbaren / matratze«, schließt Wolf das Gedicht, das auch den Titel des Bandes trägt.

Die Jury des Peter-Huchel-Preises würdigte den Band als »herausragende Neuerscheinung des Jahres 2005« und pries die Fähigkeit der Autorin, »in wenigen Strichen ... die Essenzen ihrer Erlebniswelt traumhaft sicher in sprachliche Miniaturen zu fassen«. Zuletzt wurde Uljana Wolf der Dresdner Lyrikpreis verliehen. Die Autorin lebt in Berlin.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

stühlgefühl

wär man nicht aufs zwischen so versessen / wär man nicht so drauf und drein vermessen / immer zwischen / immer also mindest mitten zwein von vielen stühlen / stündlich gründlicher zu zweigen / folglich in der skizze sesshaft nicht / folglich nicht im studio / beim orteshooting ordentliches modell sitzen / sich im katalog stattdessen stuhlbezüglich abzuschwitzen //

aber stünde man nicht lieber / stünde man nicht lieber ganz entäußert / ohne lehnen sehnend da / stellte stuhlverlassen sich den ortsanfragen / seufzte tief und sagte trittfest text gestaltend: hier / oder drückte anders sich genüßlich / stündlich heimischer / stündlich mündiger gebündelt / mit den rippen in die rückenstreben eines angestammten sitzstücks ein //

statt hier zwischen schieben müssen / statt hier halb und halb bestuhlt / das geständnis hinzuzwitschern / ja man puhlt noch an der dichtung polster / und die dichtung eine wahre polstergruppe ist / zwischen mindest zwei verschlissenen sesselkissen / nistet wo das ortsgefühl / darum sei man auf das zwischen so versessen / suche mehr gesessel mitten mehr gestühl //