Jean-Luc Raharimanana  [ Frankreich ]

Biographie

Jean-Luc Raharimanana Portrait
© Opale/ Philippe Matsas

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

Le lépreux [Anthologie]
Hatier
Paris, 1992

Nour, 1947
Le Serpent à plumes
Paris, 2003

Haut der Nacht
Horlemann
Unkel/Rhein, Bad Honnef, 2004
[Ü: Sigrid Köppen]

Rêves sous le linceul
Le Serpent à plumes
Paris, 2004

L’Arbre anthropophage
Gallimard
Paris, 2004

Jean-Luc Raharimanana wurde 1967 in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo geboren. Für frühe Gedichte wurde er schon 1987 mit dem Poesiepreis Jean-Joseph Rabearivelo ausgezeichnet. Zwei Jahre später schloss er ein Studium der Literaturwissenschaften an der Universität seiner Heimatstadt ab und wurde Mitglied einer Theatergruppe, für die er sein erstes Stück »Le Prophète et le Président« (1989; Ü: Der Prophet und der Präsident) vorbereitete. Die Satire über die Machtversessenheit zweier bekannter madagassischer Politiker spielt in einem Irrenhaus, in dem sich zwei Geisteskranke mit allen Mitteln zu den Herrschern über die anderen Patienten aufwerfen wollen. Das Stück gewann den Tchicaya-U'Tamsi-Preis des interafrikanischen Theaterwettbewerbs, die Aufführung wurde aber von den staatlichen Behörden Madagaskars verboten. Wenig später wurde Raharimananas Novelle »Le lépreux« (Ü: Der Leprakranke) ausgezeichnet, die 1992 einer Anthologie preisgekrönter Kurzgeschichten ihren Namen geben sollte. Daraufhin ging der Autor mit einem Stipendium des französischen Auslandsrundfunks nach Paris, wo er an der Sorbonne und am Institut National des langues et civilisations orientales studierte. Anschließend arbeitete er als Journalist und Französischlehrer. Raharimananas Erzählungen in »Lucarne« (1996; dt. »Haut der Nacht«, 1997) stehen inhaltlich und stilistisch in einem spannungsreichen Verhältnis. Mit lyrischer, sinnlicher und von oralen Erzähltraditionen beeinflusster Sprache beschreibt der Autor nicht nur die Schönheit der Natur, sondern vor allem die Not und die Verkommenheit in den Elendsvierteln. Der Autor selbst nennt diesen für ihn charakteristischen Duktus »Notzucht der Sanftheit«. Für den folgenden Erzählband »Rêves sous le linceul« (1998; Ü: Träume unter dem Leichentuch) wurde Raharimanana mit dem Grand Prix Littéraire de Madagascar ausgezeichnet. Darin behandelt er Themen wie den ruandischen Völkermord oder den blutig niedergeschlagenen madagassischen Aufstand von 1947. Mit eben dieser Episode der Inselgeschichte und weiteren, selten behandelten historischen Fakten beschäftigt sich Raharimanana auch in seinem ersten Roman »Nour, 1947« (2001). Als im Jahr 2002 Raharimananas Vater, Geschichtsprofessor an der Universität von Antananarivo, nach einer Radiosendung über präkoloniale Konflikte auf der Insel verhaftet und gefoltert wurde, gab der Schriftsteller seinen Lehrberuf auf. Er widmete sich nun ganz der Verteidigung seines Vaters und erzeugte z.B. mit Eingaben an den französischen Präsidenten Chirac erfolgreich öffentlichen Druck. In seiner letzten Erzählung »L’Arbre anthropophage« (2004; Ü: Der menschenfressende Baum) zeichnet er ein ungeschöntes Porträt der Inselgeschichte und klagt gleichzeitig die Diktatur, die Korruption und alle Formen der Unterdrückung an. In dem formal heterogenen Text mischen sich Legenden und alter Aberglaube mit der politischen Situation der Gegenwart bis hin zu dem Volksaufstand nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2001 und der Verhaftung des Vaters. Raharimanana, dessen Werke ins Deutsche, Englische, Italienische und Spanische übersetzt wurden, lebt in Paris.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Territoires d’écriture? La nuit quand l’espace s’étire et que les limites se font floues. Quand le regard s’efface au profit des sensations et quand du silence se détachent comme autant d’arômes des images du réel et des songes. J’écris souvent la nuit. Allongé. Le corps ainsi en alerte. A l’écoute. A l’abandon.

Ecrire dans les pas du hasard souvent pour y semer ma déraison et y tisser un récit où m’étendre. Me méfier de la narration et m’abandonner aux mots. Sortir du silence et exister le temps d’une scansion, d’un mouvement, d’un souffle. Territoires tenus sur un fil, sur les sens que me murmurent les mots.

Mais territoires de l’île également. L’île qui a donné les premiers mots, les premiers songes, les premiers désirs, les premières douleurs. Territoires de l’île et les formes du dire y rattachées, le dire des ancêtres sur les origines, les mythes, la justification de cet enfermement sur les terres, l’amnésie des cruautés et des misères, le rapport avec l’autre: les Arabes, les Africains, les Comoriens. Interroger l’écriture dans cette société du dire, comment elle a tenu secrète l’écriture pour garantir les mythes et l’utopie. L’irruption soudaine des occidentaux bouleversant cette construction de la parole et de l’écrit.

Territoires de confrontation: les armes qui ont parlé après l’échec de la rencontre du dire et de l’écrit, le dire des missionnaires qui bascule très vite dans «Les écritures» désormais seules valables, la «bonne parole» devenue unique; le dire de l’Autre, le Blanc, devenu «Loi», «Décret», «Traité», «Code». Ecrire qu’il n’y a pas eu de véritable rencontre entre les Malgaches et leurs colonisateurs français, que les récits des premiers voyageurs ne reflétaient que les fantasmes de l’Occident et leurs désirs profonds de mettre la main sur ces «terres incultes et vacantes». Ecrire les malentendus et montrer combien l’histoire pèse sur le présent de l’Afrique, de Madagascar, que l’hécatombe de l’élite africaine lors des pacifications et des oppressions coloniales pèse plus encore que la perte de la souveraineté.

Territoires des langues également. Traversée des imaginaires. D’une langue à l’autre, du français au malagasy, explorer les possibilités du dire, écrire en présence de toutes les langues. En vérité, écrire hors des limites. Peut-on encore parler de territoires?

Schreibgebiete? Die Nacht, wenn der Raum sich dehnt und die Grenzen unscharf werden. Wenn der Blick sich zugunsten von Gefühlen auflöst und die Stille sich löst wie so viele Gerüche, Bilder der Wirklichkeit und Träume. Ich schreibe oft in der Nacht. Im Liegen. Der Körper bereit. Zum Hören. Zum Loslassen.

Im Lauf des Zufalls schreiben, oft, um dort meine Unvernunft zu verbreiten und eine Geschichte hineinzuweben, in der ich mich ausbreite. Ich misstraue dem Bericht und verliere mich an die Wörter. Aus dem Schweigen treten und für die Zeit einer Skandierung, einer Bewegung, eines Atemzugs dasein. Gebiete auf der Kippe, auf den Bedeutungen, welche die Wörter flüstern.

Aber auch Inselgebiete. Die Insel, die die ersten Worte gab, die ersten Träume, die ersten Wünsche, die ersten Schmerzen. Inselgebiete und die Formen des Redens und Wiederanknüpfens, das Reden der Vorfahren über die Ursprünge, die Mythen, die Begründung jener Krankheit auf Erden, das Vergessen der Grausamkeiten und des Elends, das Gespräch mit den anderen: den Arabern, den Afrikanern, den Bewohnern der Komoren. Die Schrift in jener Gesellschaft des Redens befragen: wie sie die Schrift geheimgehalten hat, um die Mythen und die Utopie zu garantieren. Der jähe Einbruch der Abendländer, der dieses Gefüge von Rede und Schrift verwüstete.

Gebiete der Konfrontation: die Waffen, die sprachen, nachdem die Begegnung des Redens und der Schrift misslang, das Reden der Missionare, das sehr schnell innerhalb »der Schriften« umstürzt, die von nun an als einzige gültig waren, die »gute Sprache«, die eine einzige wurde; das Reden des Anderen, der Weiße, wurde »Recht«, »Erlass«, »Vertrag«, »Richtlinie«. Schreiben, das nicht mehr wirkliche Begegnung zwischen den Madagassen und ihren französischen Kolonisatoren war, das die Berichte der ersten Reisenden nur als Phantasmen des Orients widerspiegelte und als tiefen Wunsch, diese »unkultivierten und leeren Länder« zu erobern. Die Missverständnisse schreiben und zeigen, wie schwer die Vergangenheit auf der Gegenwart Afrikas, Madagaskars lastet, dass der Massenmord an der afrikanischen Elite für die Befriedung und die koloniale Unterdrückung noch schwerer wiegt als der Verlust der Souveränität.

Auch Sprachgebiete. Aus Imaginiertem übergesetzt. Aus einer Sprache in die andere, aus dem Französischen ins Madagassische, die Möglichkeiten des Redens auslotend, schreiben in der Gegenwart aller Sprachen. Eigentlich jenseits aller Grenzen schreiben. Kann man da noch von Gebieten sprechen?